Einen guten Monat nachdem sie in See gestochen waren, setzte die Mannschaft zum ersten Mal wieder einen Fuß aufs Festland. Die Grenze zu Libartemis war überschritten und man lag längseits am brüchigen Steg einer kleinen, bewaldeten Insel. Im Vergleich zu Baratelo war sie fast schon winzig, bot kaum Platz für mehr als ein paar Häuser gleichzeitig. Darauf hatte ein mutiger, wenn jetzt auch schon in die Jahre gekommener Freibeuter einen kleinen Vorposten errichtet, für Schiffe, die in beide Richtungen fuhren und Proviant für die Reise benötigten. Dabei war der Mann, der mittlerweile eine kleine Familie zu ernähren hatte, auch nicht wählerisch, an wenn er seine Güter verkaufte.
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„Zeit ist fließend. Immer.“

Egal wie schön ein Moment ist, er geht vorbei.
Das ist traurig.

Andererseits, egal wie schrecklich ein Moment ist, er geht vorbei.
Das ist schön.

Was ist schon so ein bisschen körperliche Arbeit, dachte sich Strich, als er die nächste Kiste unter Stöhnen anhob. Alles musste neu eingerichtet werden, denn in wenigen Tagen würden sie den Proviant erneuern und das Einladen sollte schnell von Statten gehen. So wurden ab und an Matrosen in den Laderaum geschickt, um dort für Ordnung zu sorgen. Dieser jemand war an diesem Morgen ausgerechnet Strich. Wo er es doch so im Kreuz hatte. Ganz besonders, wenn es darum ging, zu arbeiten oder schwere Dinge zu schleppen.
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„Damit einer Macht besitzen kann, müssen andere sich beugen.“

Jeder Herrscher verliert seine Macht, wenn er seine Untertanen verliert. Jeder Präsident ist nichts wert ohne das Volk.

Das Deck war hell erleuchtet. Laternen waren auf lange Stäbe gesteckt und entzündet worden und hingen nun über den Köpfen der Männer, die sich derzeit an Deck der Kantalup vergnügten. An und ab durfte ein jeder sich verngügen, deswegen hatte man den Anker ausgeworfen. Dieser steckte nun fest in einer kleinen Landmasse unter ihnen, kaum groß genug, um das Schiff sixcher zu halten und den Winden entgegenzuwirken. Der Großteil der Crew hatte sich auf dem Deck versammelt und eine ausgelassene Stimmung lag in der Luft. Der Geruch von heißem Grog und würzigem Fleisch erfüllte die Abendnacht. Am Tage zuvor hatten es einige Matrosen geschafft, ein paar Wandervögel mit einem der Netze einzufangen und diese brieten nun in einem speziellen Ofen, den man aus der Kombüse nach oben gebracht hatte. Kapitän Schlitzer saß am Heck zusammen mit dem alten Stockbein William, der schon seinen vierten Krug intus hatte, aber trotzdem noch kein Einhalten zeigte, Krummnas Hannsen, der ebenfalls den Alkohol nicht verschmähte und John Lavorne. Jener verdingte sich sein Geld hier als Schiffsarzt, wobei er eher zu den praktischeren Gesellen seiner Zunft gehörte. Bedeutete, je schlimmer ein Patient zugerichtet war, desto wahrscheinlicher verlor dieser ein Körperteil durch die Säge. Sein Motto war, alles war gut, solange man nicht den Kopf verlor.
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Einst trat ein Mann vor Gott, denn er wollte sich des Lebens wegen beschweren.
„Gott!“, sprach er: „Warum hast du mein Dasein so unbarmherzig gemacht. Warum hast du mich als Mann auserkoren, all die schweren Arbeiten zu erledigen?
Tagein, tagaus muss ich schuften, muss ich mich halb tot arbeiten, nur um genügend Geld nach Hause zu bringen, um mich und meine Familie zu ernähren. Meinen Körper und meine Zeit opfere ich, während meine Kinder und meine Frau sich Zuhause einen faulen Lenz machen. Und wenn ich dann nach Hause komme, zankt mein Weib mit mir und mein Sohn will nichts von mir wissen. Kein Essen finde ich auf dem Tisch und auch das Bier hat man mir lang schon ausgetrunken. Mir bleibt also jeden Abend nichts anderes übrig, als mich stillschweigend ins Bett zu legen, nur um dann am nächsten Tag wieder von vorn anzufangen. Wieso muss gerade ich derjenige sein, der buckelt?, fragte der Mann Gott.
Doch Gott schwieg.
Da wurde der Mann fürchterlich zornig.
„Wenn du mir schon nicht antworten willst“, fuhr er fort: „Dann verwandle mich wenigstens in eine Frau. Wenn ich das Leben meines Weibes betrachte, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als sie zu sein und keinen Finger mehr rühren zu müssen.
Und Gott erfüllt ihm den Wunsch.

Doch kaum zwei Wochen später, stand die Frau wieder vor dem Herrn und wollte sich des Lebens wegen beschweren.
„Gott!“, sprach sie: „Warum hast du mir nicht gesagt, dass die Frau es auch nicht besser hat, als der Mann?Der Haushalt muss gemacht und die Kinder versorgt, Essen muss gekocht und Wäsche gewaschen, Gemüse geschält und Böden geschrubbt werden. Tausend Dinge sind jeden Tag im Haus zu erledigen und sobald der Tag rum ist, fallen schon wieder Zehntausend weitere an.
Jeder Mann der sich mit mir unterhält, starrt nur auf meinen Körper und jede Frau sieht in mir eine Konkurrenz. Mir gegenüber tun sie, als wären sie nur an meinem Glück interessiert, aber hinter meinem Rücken lästern sie über mich.
Sag Gott, warum hast du mir nicht erzählt, wie schrecklich es ist, eine Frau zu sein?
Doch Gott schwieg.
Da wurde die Frau schrecklich wütend.
„Wenn du mir schon nicht antworten willst“, schrie sie: „Dann verwandle mich wenigstens in ein Kind. Wenn ich das Leben meines Sohnes betrachte, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als er zu sein und keinen Finger mehr rühren zu müssen.“
Und Gott erfüllt ihr den Wunsch.

Doch kaum war eine Woche vergangen, stand dasKind schon wieder vor Gott und wollte sich des Lebens wegen beschweren.
„Herr!“, sprach es: „Warum hast du mir verschwiegen, was ein Kind sich alles gefallen lassen muss?
Hin und her werde ich geschoben, ich soll dies tun und das werden, und all das sein, was die Eltern nie waren. Gleichzeitig soll ich wissen, was ich mit meinem Leben machen will, obwohl die, die mich erziehen, bei sich selbst noch darüber grübeln.
Folgen soll ich, nach dem Gutdünken derer um mich herum und wenn ich etwas sage, werde ich nur belächelt. Meine Meinung zählt nicht und meine Fragen sind unwichtig.
Sprich Gott! Warum hast du mir dieses Schicksal nicht erspart und mich von dieser törichten Entscheidung abgehalten?“
Doch Gott schwieg.
Da verfiel das Kind in einen rasenden Wutanfall.
„Wenn du mir schon nicht antworten willst!“, schrie es fort: „Dann verwandle mich wenigstens in ein Tier! Dann muss ich mir keine Gedanken mehr um diese Welt machen und kann jeden Tag so leben, als wäre er mein letzter.“
Und Gott erfüllte ihm den Wunsch.

Am nächsten Morgen stand ein kleiner Fuchs vor Gott.
„Gott“, sprach er leise. „Ich bin des Lebens leid. So viele habe ich gesehen und keines ist besser als das andere. Ein Jedes ist erfüllt von Schufterei und Plagen. Selbst als ein Tier kann ich mich nicht fläzen, sondern muss Tag und Nacht auf der Hut sein.
Gott sag, warum hast du das Leben mit so viel Schmerz gefüllt?“
Doch Gott schwieg.
Da wurde der Fuchs ganz still und dachte nach.
„Wenn du mir schon nicht antworten willst“, sagte er schließlich:
„Dann verwandle mich wenigstens in einen Stein. Vielleicht werde ich dann endlich meine Ruhe haben.“
Und Gott erfüllte dem Fuchs seinen letzten Wunsch.
Anschließend sprach der Herr zu ihm mit sanfter Stimme:
„Bist du nun glücklich?“
Doch der Stein antwortete nicht.