Der Damenschuh

Der Damenschuh, der an den eisernen Sprossen der Lautsprecheranlage hängt, irritiert mich. Alt ist er; das Wetter hat die Farbe ausgeblichen. So alt kann er jedoch nicht sein, denn meine letzte Zugfahrt in diese Richtung war vor knapp einer Woche.
In der Zwischenzeit hat sich hier wohl eine Geschichte abgespielt, aus der ein verlassener Schuh resultierte. Welche genauen Handlungen wohl zu dem ominösen Aufenthalt dieses Schuhs geführt haben, kann ich nur noch spekulieren.

Es könnte ein sehr glücklicher Zufall gewesen sein.
Heißer wolkenloser Himmel. Komplett Windstill. Perfektes Flugwetter.
Per Luftpost bringt das rote Kreuz eine Ladung gespendeter Schuhe nach Afrika. Der Pilot, ein wackerer Pionier der alten Tage, schon seit Jahrzehnten im Business, hat sich freiwillig für diese, im besonderen, seine letzte, Fahrt gemeldet, bevor es für ihn in den Ruhestand geht. Zur Feier des Anlasses hat er sich eine Flasche seines liebsten Weins mitgenommen und begonnen diese mit ansetzender Melancholie zu trinken. Im Schwips und einer leichten Windböe drückt er unabsichtlich den Knopf, der die Ladeluke öffnet. Ein unachtsamer Fehler den er natürlich sofort bemerkt und behebt, wenn auch einen Ticken zu spät. Mag sein, dass eine Kiste voll Schuh nicht sauber verschnürt worden war und so fällt, in den wenigen Sekunden in denen die Luke einen Spaltbreit geöffnet, ein einsamer Schuh aus luftiger Höh. Dass sich dieser anschließend an einer der Sprossen der Lautsprecheranlage verhakt, wäre schon gar kein Zufall mehr, sondern eher Schicksal.

Eine andere Möglichkeit wäre das Ende einer romantischen Beziehung.
Vollmondlicht durchtränkt den Bahnsteig. Der warme Spätfrühlingswind lässt die Blätter der Laubbäume sanft rascheln. Ein einsames Paar trottet zur späten Stunde gedankenverloren neben den Gleisen her. Hand in Hand, die Körper dicht beisammen geschmiegt. Sie brauchen sich nichts beteuern, beide wissen es ist vorbei, man will nur den letzten Moment miteinander genießen.
Er sieht sie an. Verlangt einen letzten Tanz auf nackten Sohlen so wie damals in dem kleinen Städtchen in Italien. Sie zieht ihre Schuhe aus. Sie sind schon ganz abgelaufen, ein Geschenk von ihm aus der Zeit als es noch besser lief. Den einen wirft sie aus Impuls tief in die nebenstehende Büsche. Dann erfasst sie ein Anfall von Reue. Den anderen hängt sie fast andächtig an eine Sprosse der Lautsprecheranlage. Dann tanzen sie ein letztes Mal auf dem verlassenen Bahnsteig.

Ich blicke den Schuh verträumt an. Dann einmal nach links und rechts. In einiger Entfernung steht ein Mädchen. Sie starrt lustlos auf ihr Handy. Tippt ab und an. Ich verziehe den Mund und wende mich wieder dem Schuh zu.
Vielleicht war es aber auch ein grausiger Mord.
Vollmondlicht durchtränkt den Bahnsteig. Der warme Spätfrühlingswind lässt die Blätter der Laubbäume sanft rascheln. Kein einsames Paar trottet hier zur späten Stunde, stattdessen steht eine einsam rauchende Gestalt ans Bahnhäuschen gelehnt. Die Eltern ohne Verstand, die Jeans voller Löcher und nichts im Kopf außer der Unwille gegenüber der Gesellschaft. Die junge Frau bemerkt gar nicht den unheilvollen Schatten, der sich von der Seite anschleicht. Das Messer blitzt und funkelt, doch ihr Blick ist starr gegen das Graffiti auf der gegenüberliegenden Seite gerichtet und ihre Gedanken sind viel zu weit weg, um die Wirklichkeit um sie herum noch zu beachten. Einen Moment und einen unter vorgehaltener Handfläche gedämpften Schrei später, liegt sie bewegungslos auf dem kalten Stein. Der gebuckelte Mann schnauft heftig, der Schweiß tropft ihm von der Stirn auf den frischen Leichnam. In Gier streckt er seine schwieligen Hände nach der jungen Frau aus und zehrt ihr die Schuhe von den Füßen. Altmodisch sehen sie aus, doch passen trotz dem verblassten Pink zu ihrem Look. Den einen steckt der Mann in die weite Manteltasche, den anderen hängt er, wie als Beweis für die ruchlose Tat, an eine der Sprossen der Lautsprecheranlage. Anschließend wirft er sich die Tote über die Schulter und verschwindet in der Dunkelheit.

Ich sehe auf die Uhr. Wo bleibt denn mein Zug?
Dann: Eine Stimme aus der Anlage neben mir. Zehn Minuten Verspätung. Störung. Es ist immer Störung. Egal warum die Bahn zu spät kommt, immer Störung.
Ich sehe sie schon vor mir diese Störung.
Die Mittagssonne hat die Umgebung unangenehm aufgeheizt. Der so stark herbeigesehnte Wind als frische Abkühlung schweigt. Der Bahnsteig ist verweist. Doch nicht für lange denn schon tritt zur ungewöhnlichen Stunde eine zerzauste Frau um die Ecke. Sie trägt ein Kleid, nicht mehr als ein Lumpen. Ihre Schminke läuft ihr wegen der Hitze übers Gesicht. Sie stolpert halb den Weg entlang, sie hat getrunken. Ihre Schuhe sind zu eng; sie drücken an der Seite. An der Mitte des Bahnsteigs bleibt sie stehen. Sieht hinunter auf das Gleis. Ihr Blick so leer wie das kleine Bahnhäuschen. Sie blickt auf die Uhr. Zehn Minuten vor Vier. Noch einen Moment dann wird der Zug um die Ecke biegen. Sie zieht den ersten Schuh aus. Die nackte Sohle brennt auf dem heißen Stein. Ihr Blick fällt auf ihre Hand. Die zerkauten Fingernägel. Die tiefen Falten. Die Schlieren der klebrigen Handcreme. Dann kommt der Zug. Keine Zeit mehr den zweiten Schuh auch noch auszuziehen. Den ersten kann sie grade noch über eine der Sprossen der Lautsprecheranlage legen. Dann springt sie.

Auf einmal werde ich durch ein lautes Pfeifen aus meinen Gedanken gerissen. Der Schaffner steht nicht weit von mir entfernt und sieht mich fragend an. Ich steige schnell ein. Die Türen schließen sich. Der Zug fährt an.

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