Wie mir Paolo geholfen hat

Ich sitze auf dem Bett, die Decke halb über meine Füße geschlagen, den Laptop auf dem Schoß. Mir schräg gegenüber, in meinem rotierenden Computersessel, sitzt Paolo und dreht sich selbst langsam hin und her, während er an die Decke starrt.

„Warum schreibst du eigentlich so wenig?“, fragte er mich plötzlich. Typisch Paolo. Ohne Einleitung sofort zum Punkt.

„Wie meinst du das?“, frage ich und starre dabei weiter auf den Bildschirm. Meine Finger gleitet über das Touchpad. Ich surfe ziellos auf irgendwelchen Unterhaltungsseiten.

„Genau so wie ich es gesagt habe“, entgegnet Paolo, hört aber nicht auf, sich im Kreis zu drehen. Seine Füße baumeln dabei vor und hinter.
„Ich verstehe nicht, warum du nicht mehr und öfters schreibst. Warum nicht? Stattdessen verbringst du deine Zeit sinnlos irgendwo im Internet.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Mir fällt halt nicht immer was ein“, antworte ich halbherzig.

„Pff“, kommentiert Paolo:
„Na und? Soll das etwa deine Ausrede sein? Da musst du mir aber schon mit einer besseren Erklärung kommen.“

„Es ist keine Ausrede“, sage ich:
„Es ist schlichtweg die Wahrheit. Mir fällt einfach nichts besonderes ein. Deswegen schreibe ich nicht. Warum soll ich den schreiben, wenn ich nichts zu sagen habe?“

„Ja warum denn nicht?“, meint Paolo und kneift die Augenbrauen zusammen.

Nun blicke ich doch vom Bildschirm auf und meinen Freund direkt an und sage:
„Weil das Schreiben dann doch keinen Sinn hat? Wenn ich nichts zu sagen hab, dann hab ich doch auch nichts zu schreiben? Ich brauche doch zumindest irgendeine Geschichte, die ich aufschreiben will, irgendeine Message die rüberzubringen gilt oder wenigstens eine kreative Idee. Ansonsten macht das Ganze doch einfach keinen Sinn?“

„Findest du?“, hakt Paolo nach.

„Ja klar. Ohne Grund zu schreiben ist doch banal. Was soll ich denn da überhaupt aufs Papier bringen? Dann schreib ich doch nur das, was andere schon zig mal vor mir geschrieben haben.“

„Mhm, das glaube ich jetzt aber nicht“, erwidert Paolo:
„Egal was du schreibst, es unterscheidet sich doch alles immer ein wenig von allem anderen. Alleine bei einer einzigen Konversation. Da handeln doch auch ganz eigene Charaktere, da läuft ein ganz eigener Strang und eine eigene Welt.“

„Kann sein“, gebe ich zu:
„Aber trotzdem will ich nicht einfach vor mich hinschreiben. Dann kommt am Schluss doch eh nur Durschnittsmüll dabei raus. Wenn ich schon schreibe, muss ich mir vorher schon Gedanken machen. Sonst ist doch auch die Zeit am Ende zu schade, die ich damit vergeude, etwas Minderwertiges zu schreiben. Bevor ich Einheitsbrei von mir gebe, fabriziere ich lieber gar nichts.“

Ich klappe den Laptop zu und steige aus dem Bett. Mir ist plötzlich merkwürdig heiß, der Schweiß läuft mir in den Nacken. Ich bewege mich zum Fenster, öffne es und lasse frische Luft herein. Paolo beobachtet mich schweigend.

„Also?“, frage ich ihn und fächle mir mit einer Hand Luft zu:
„Ist deine Frage jetzt beantwortet?“

Er nickt. Dann schüttelt er den Kopf. Dann nickt er wieder. Schlussendlich entscheidet er sich für ein halbherziges Schulterzucken.
„Ich finde nicht, dass man immer eine neue, einfallsreiche und kreative Idee haben muss. Ich glaube, das kommt in einem gewissen Grad ganz automatisch. Beim schreiben selbst. Da fließt ja deine ganze Art und all deine Persönlichkeit mit hinein. Da wird es doch von vornherein anders.“

„Mhm“, lasse ich ertönen und sehe ihn an:
„Kann sein. Ich bin da trotzdem anderer Meinung.“

„Aber überleg doch mal“, versucht Paolo sich zu erklären und hebt abwehrend die Hände:
„Jedes Wort macht doch beim Lesen einen Unterschied. Jeder umgestellte Satzbau verändert den Rhythmus. Jeder Punkt und jedes Komma kann den ganzen Text umformen. Es stehen dir doch unendlich viele Möglichkeiten offen. Unendliche Geschichten die nicht erzählt werden, nur weil du fürchtest, dass sie zu normal sind. Fast gehe ich sogar so weit zu sagen, du glaubst, es ist unter deiner Würde, so etwas zu schreiben.“

„Hey, hey, hey!“, rufe ich aufgebracht dazwischen:
„Stell mich jetzt nicht so da, als würde ich mich für was besseres halten. Du weißt ganz genau, dass es nicht so ist. Ich habe nie behauptet, ich würde mich zu gehoben oder wichtig für irgendetwas fühlen. Ganz im Gegenteil. Ich sehe mich selbst nicht mal als guter Schreiber. Höchstens als Mittelmaß. Jemand der Worte so verdrehen kann, dass sie zumindest dort liegen bleiben, wo sie hingehören. Jemand der Worte grob drechselt, um das zu sagen, was er sagen will. Keinen Moment habe ich daran gedacht, etwas besseres zu sein!“

Meine Stimme war ein wenig lauter geworden. Paolo winkt lässig ab:
„Reg dich ab. War ja nicht so gemeint. Außerdem, so wichtig ist doch die Kunst dahinter nicht. Geht es denn nicht hauptsächlich um das, was man sagen will? Und wenn man es schafft, das klar und deutlich rüber zu bringen, dann ist doch alles in Ordnung. Mehr braucht man doch auch von sich nicht verlangen.“

„Eben“, sage ich und nicke, noch immer ein wenig wütend:
„Und genau aus dem Grund schreibe ich auch nicht die ganze Zeit. Weil es eben doch darum geht, was man sagt. Und wenn schon die Kunst dahinter nicht all zu viel taugt, dann soll doch wenigstens der Kontext hervorstechen. Wer will denn schon magere Geschichten auf magerem Handwerk lesen? Das reißt doch niemanden um? Das begeistert doch niemanden?“

„Geht es dir also darum?“, fragt Paolo und zieht überrascht die Brauen nach oben:
„Dass es den Leuten gefällt?“

„Nein!“, rufe ich etwas lauter und stürmischer als gewollt. Ich blickte auf meine Hände. Sie zitterten leicht.
„Ähm, ich meine, nein. Tschuldige.“, sage ich und senke den Blick auf den Boden.
Ich atme einmal tief ein und aus.
„Vielleicht ein wenig. Ich kann es nicht komplett ausschließen. Natürlich wünschte ich mir, ich könnte nur für mich selbst schreiben, doch so sehr es der Idealist in mir auch will, der Realist stellt ein jedes Mal wieder fest, dass das ungelesene Wort so wenig Sinn macht, wie das verschmähte Butterbrot. Warum sollte ich denn etwas aufschreiben, wenn es niemand ließt? Der einzige Sinn von Schrift ist doch die Kommunikation. Ein ungelesener Text ist doch gleichsam einer, der genauso gut nicht existieren könnte.“

Paolo streicht sich etwas verlegen durch die Haare, während er mich, so halb zusammengesunken an der Wand lehnend, beobachtet.

„Ok, sorry, ich wollte dich da jetzt nicht runterziehen oder so etwas“, meint er:
„Es ist doch auch nichts falsches daran, seine Kreation teilen zu wollen. Das was man selbst erschaffen hat. Anerkennung zu wollen. Ist doch vollkommen in Ordnung. Ja es ist sogar menschlich.
Und wenn man Anderen damit sogar eine Freude macht, sie für etwas begeistert, sie in eine fremde Welt entführt und ihnen das kindliche Staunen wieder vor Augen bringt, wenn man ihre Fantasie wilde Bahnen kreisen lässt, ihre Sinne durcheinanderwirbelt und sie zum träumen bewegt. Dann hat man doch auch gleich etwas Gutes geleistet. Man hat jemand Anderem etwas geschenkt. Das ist doch schön.“

Ich nicke:
„Ja das ist auch ein Grund warum ich schreibe“, entgegne ich mit einem zaghaften Lächeln.

„Und genau deswegen habe ich dich ja auch gefragt, warum du nicht öfters schreibst!“, schallt es nun aus Paolos Mund, derweil er die Faust zur Hand geballt und mit durchdringendem Blick vor mir steht:
„Dir stehen doch alle Wege offen! Jeden Satz kannst du nach deinem Ermessen formen! Du kannst unglaubliche Welten erschaffen oder schlichten Alltag beschreiben. Und beides auf die gleiche, einfache Weise. Mit Worten. Mit ein paar Tastendrücken auf einer Tastatur oder einem Stift in der Hand und einem Blatt Papier. Es ist doch so einfach oder nicht? Was kostet es dich denn schon, tausend Wörter nieder zu schreiben?
Eine knappe Stunde Zeit.
Tausend Wörter.
Was kann man nicht alles zwischen tausend Wörter verbergen? Ganze Äonen an vergangen Zeiten. Fantastische Epen. Dramen und Komödien. Monumentale Heldensagen die jedem Leser ein Funkeln in die Augen setzen. Trauer und Melancholie dienen dir als fleißige Helfer. Wenn du willst, weinen die Massen vor Kummer und Gram, wegen den Charakteren die du erschaffen hast. Ein Satz alleine kann doch so vieles sein. So viele Orte, so viele Menschen und noch viel mehr Geschichten. Und ich frage dich, gibt es denn etwas schöneres als das weiße Blatt Papier? Was sonst steht mehr für die unendliche Anzahl an Prosa, die noch nicht geschrieben wurde. Was sonst bietet dir so viel Freiheit? Die Freiheit alles erleben zu lassen, was du willst. Egal wie absurd es klingen mag. Egal wie fantastisch es auch sein mag. Egal was es ist. Du bestimmst. Du schreibst.“

Mittlerweile hat mich Paolo an den Schultern gepackt und starrt mir tief in die Augen:
„Also nun sag mir, was dich davon abhält. Sag mir, was dich von dieser unbändigen Freiheit abdrängt. Sag mir, warum du nicht öfters die Unendlichkeit packst.“

Und ich sehe ihn an und bin sprachlos. Mein Blick gleitet an ihm vorbei in die Ferne. An der Wand entlang, hinaus aus dem Fenster. Vorbei an Autos und Häusern, an dem Vogelnest zwischen zwei Schornsteinen, einer Satelittenschüssel, einer Baumkrone, dem Kirchturm der weiß in den Himmel ragte, die bauschigen Wolken hoch droben, dem Himmel selber und in die tiefe Unendlichkeit die sich dahinter verbirgt.

Und in dem Moment fällt er ab. Der Druck, der mich schon so lange umfängt. Der Druck, der mir schon so lange vorschreibt, was ich zu tun habe. Der Druck, der mir schon so lange auf der Seele lastet.

Ich sehe Paolo an. Er starrt zurück.

Ich grinse. Er grinst zurück.

„Na also. Geht doch“, sagt er.

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