Der Kirschbaum

Es waren einmal ein junger Fuchs, eine Elsterndame und ein alter Hase, die beisammen unter einem großen Kirschbaum saßen und beratschlagten, was denn nun der Sinn des Lebens sei.
Der Fuchs begann, denn er war stürmisch und aufbrausend und war sich sicher, die richtige Antwort gefunden zu haben.
„Sehr viel und oft zu essen“, meinte er.
„Das beste Fleisch zu finden und das meiste Fleisch zu finden, darauf kommt es im Leben an. Wenn ich genug zu Essen habe, dann habe ich den Sinn des Lebens gefunden.“
Die Elster und der Hase schwiegen, obgleich sie natürlich beide wussten, dass der junge Fuchs kompletten Unsinn daherredete.
Aber ihm war zugute zu halten, dass er noch ein junger Spund war und daher unmöglich weise sein konnte, schließlich hatte er in seinen jungen Jahren noch viel zu lernen.
Der alte Hase hingegen war schon weise, schließlich hatte er in seinem Leben ja schon einiges gelernt.
Als nächstes sprach die Elster:
„Glitzernde Dinge, die sind das einzig Wahre. Glitzerndes, Glänzendes oder Blitzendes, ganz egal. Solange ich weiterhin schöne Dinge finde, ist mein Leben bis zum Rand mit Sinn ausgefüllt.“
Der Hase schwieg erneut, denn er wusste, dass die Elster ebenfalls Unsinn daherredete, doch der Fuchs war neugierig geworden:
„Was tust du denn mit dem Glänzenden, wenn du es gefunden hast?“
Die Elster antwortete darauf ganz erpicht:
„Ich packe es auf einen großen Haufen, sodass ich es den ganzen Tag ansehen und mich daran erfreuen kann.“
Der Fuchs aber verstand immer noch nicht, denn etwas auf einen großen Haufen zu packen, um es anzusehen, das war ihm fremd. Er selbst suchte sich nur Dinge, um sie verschlingen zu können. Alles andere schien für ihn keinen Nutzen zu haben. Aber er traute sich auch nicht, die Elster zu korrigieren, schließlich war sie ja um einiges älter als er und somit weiser.
Zu guter Letzt sahen alle beiden Tiere voller Erwartung den Hasen an, denn dieser war schon sehr, sehr alt und musste somit sicherlich ohne Probleme den richtigen Sinn des Lebens bestimmen können.
Der alte Hase überlegte kurz und antwortete dann:
„Eine Metapher.“
Dies verwirrte die beiden anderen Tiere sehr. Warum sollte denn das Leben etwas anderes sein als Essen und Glitzerndes? Sie versuchten, zu begreifen, denn schließlich war der alte Hase weise und musste mit dem Recht haben, was er sagte.
Nach einigem Grübeln hatten es beide verstanden.
Der Fuchs sagte:
„Du meinst also, wenn ich sage, der Sinn des Lebens ist das Essen, dann meine ich nicht wirklich direkt das Aufnehmen von Nahrung, sondern das Verlangen nach Selbsterhaltung und den Trieb, auch in Zukunft noch am Leben zu bleiben?“
Die Elster fügte hinzu:
„Und wenn ich davon spreche, wie sehr mir der makellose Schein des Glitzernden gefällt, dann will ich in Wahrheit nur von meinem befristeten Dasein hier auf dieser Welt ablenken, indem ich mein Leben mit sinnlosem Schund vollstopfe, der mir eine kurze Genugtuung verschafft, nur um jenes anschließend zu den anderen pseudowichtigen Dingen zu legen, um mich schon wieder auf etwas neues, aufregenderes zu stürzen?“
„Ist es das, was du uns damit sagen willst, oh weiser, alter Hase?“, fragten die beiden wie aus einem Mund.
„Nein“, antwortete der Hase:
„Damit meinte ich eigentlich genau das, was ich gesagt habe. Der Sinn unseres Lebens ist eine Metapher. Eine Moral. Eine Geschichte. Wir existieren nur aus einem einzigen Grund. Nämlich, um als Charaktere die Lücken eines dämlichen Märchen zu füllen, das gerade irgendjemand vorliest.“
„Hä?“, machte der Fuchs und „Hä?“, machte auch die Elster, denn beide verstanden nicht. Der Hase grummelte und erklärte schließlich:
„Ist euch denn noch nie aufgefallen, dass wir gar keine Namen haben? Keine Erinnerungen, Eltern, Familie? Oder, dass, außerhalb dieses kleinen Bereiches unter dem Kirschbaum, nichts anderes existiert, da nichts weiter beschrieben wurde?“
Sogleich wurden die beiden anderen Tiere der weißen Haltlosigkeit gewahr, die sich rund um den Kirschbaum befand.
„Vielmehr noch“, sprach der alte, weise Hase:
„Habt ihr nicht bemerkt, dass ich ein wenig das Schema breche? Dass man von mir erwartet, dass ich ach so weise bin und nun irgendetwas daherreden sollte, von dem wirklichen Sinn des Lebens und wie das, was wir tun, unserer eigenen Existenz einen Sinn gibt, ganz gleich was dies für den Einzelnen bedeutet?“
Der Fuchs und die Elster nickten. Das war ihnen auch schon aufgefallen.
„Und ihr glaubt doch nicht, dass man mir das durchgehen lässt, oder?“, fuhr der Hase fort:
„Ich bin mir sicher, gleich wird mir irgendetwas schlimmes passieren. Der Baum stürzt auf mich herab, ich krieg einen Herzinfarkt oder noch besser, du, Fuchs, wirst dich gleich auf mich stürzen und…“
Just in diesem Moment stürzte sich der Fuchs auf den alten Hasen und verschlang diesen mit einem Happs. Unterdes flog die Elster voller Panik in die Krone des Kirschbaumes, wo sie krächzend sitzen blieb und den Fuchs misstrauisch beäugte.
Dieser hingegen beendete zufrieden sein Mahl und trottete seines Weges in die weiße, ungeformte Landschaft. Er konnte sich nicht beschweren. Sein Sinn hatte sich gerade eben erfüllt, ganz gleich was der alte Hase gesagt hatte.

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