Verwerflichkeit und einfach gestrickt #5

Die Tage vergingen. Schon bald stellte sich der normale Rhythmus an Bord ein. Die Arbeit war in Schichten unterteilt, jeder hatte fest eingeteilte Zeiten, um zu schlafen, zu arbeiten und ein oder zwei Stunden, um sich gehen zu lassen. Sie hatten genug Leute an Bord, damit nicht jeder allzeit in den Wanten hängen und die Takelage bedienen musste. Den Rest des übrigen Tages beschäftigte man sich mit kleineren Bootsarbeiten, man flickte zerrissene Stellen am Segel, besserte Seile aus, schrubbte das Deck oder zimmerte neue Bretter an die Kabinen und die Wände des Schiffes. Und wenn es dann nichts mehr zu tun gab, lag man herum, spielte Karten oder blickte auf das Wolkenmeer hinaus.

Strich selbst war für die meisten Dingen herzlich wenig zu gebrauchen, stellte er sich bei den meisten Dingen übertrieben ungeschickt an, doch besaß er ein wenig Erfahrung im Handwerk der Zimmerei. Er hatte als Jungspund eine Lehre absolviert, zumindest halb, dann hatte ihn seine Lust in andere Gegenden und schließlich auf diverse Schiffe verschlagen. Deswegen wusste er zum Teil, wie die delikaten Holzwände der Kantalup zu handhaben waren. Zwar war er kein ausgebildeter Schiffsbauer, hatte sich aber in seinen Jahren auf See ein wenig hier und da abgeschaut und konnte somit die ein oder anderen leichten Schäden reparieren, ohne dass gleich das ganze Schiff in sich zusammenbrach. Auf der anderen Seite hieß dies, solange nichts am Holz selbst fehlte und sie schon länger an keinem Kampf mehr beteiligt waren, konnte sich Strich auf die faule Haut legen. Hin und wieder hieß es, ein gebrochenes Tischbein neu zu sägen oder ein zerbrochenes Brett an Deck austauschen, doch die meiste Zeit saß er unter Deck oder an Stellen, an denen ihn der Kapitän nicht erwischen konnte und vertrieb sich die Warterei, indem er Karten legte, mit Anderen würfelte oder schlichtweg aus den Luken starrte und dem Treiben der Vögel zusah.

Es würde knapp eineinhalb Monate dauern, bis sie die Grenze zu Libartemis passierten und noch zwei weitere Monate, bis man sich Beute erhoffen durfte. Bis dahin hieß es, sich die Langeweile zu vertreiben. Und da Schlitzer wusste, dass gelangweilten Piraten die gefährlichsten Gedanken kamen, gab es des Öfteren den ein oder anderen Ausschank an Grog oder Rum. Sie hatten genug davon in Baratelo geladen, um die Mannschaft bis zum ersten Fang bei Laune zu halten. Ganz anders war es ums Essen bestellt. Rationen für einen Monat, vielleicht noch, bis sie die Grenze passierten, doch dann musste man neuen Proviant beschaffen. Keiner hatte Lust auf abgestandenes Wasser und Maden im Brot und nichts war schlechter für die Stimmung, als üble Kost und harte Arbeit.

In vielerlei Hinsicht war das Leben als Pirat nicht gerade angenehm, stellte Strich fest, während er im Frachtraum auf einer Tonne voller alter Zitronen saß, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, an der Schiffswand lehnend. Seine Füße lagen dabei, den einen über den anderen geschlagen, auf einem zweiten Fass vor ihm. Mehrere Stützpfeiler verbargen die direkte Sicht auf die Leitern nach oben und so konnte der Matrose beruhigt die Beine hochlegen, ohne Gefahr zu laufen, gescholten zu werden. Eigentlich sollte er gerade einen neuen Tisch zusammennageln aus den alten, teils brüchigen Teilen, die nun neben ihm lagen. Einige der Männer an Deck hatten sogar noch ein altes Holzbrett aus dem Wolkenmeer gefischt, welches dort zufälligerweise herumgeflogen war. Jenes schwebte nun einige Zentimeter von Strichs Gesicht entfernt. Ab und an stupste er es mit dem Finger leicht zurück, wenn es wieder zu aufdringlich an ihn heranglitt. Er wusste noch nicht genau, was er damit anstellen sollte, doch ihm fiel bestimmt etwas ein. Wenn ihm dennoch keine Idee kam, dann nagelte er es einfach an die Bordwand. Ein wenig mehr Auftrieb konnte nie schaden und wenn er den Theresislack sparte, würde der Käptn nur um so erfreuter sein. Wenn er es denn mitbekam. Aber die Meisten hier auf dem Schiff hatten keine Ahnung, was Strich eigentlich so trieb. Was für wichtige Arbeiten er leistete. Ohne ihn wäre dieser ganze Kahn sicherlich schon an die zehn Mal auseinandergefallen. Ihm war fast so, als hätte er das Schiff ganz alleine gebaut. Er kannte jeden Winkel, hatte jedes Brett schon dreimal vernagelt und immer wieder brach etwas oder fiel ab. Weil die Trottel dort oben ja auch überhaupt nicht aufpassten und nicht verstanden, dass so ein Schiff etwas sehr delikates war. Etwas, das man mit Sorgfalt behandeln musste. Strich führte den Zeigefinger zur Nase, bohrte dort ein wenig herum und zog anschließend einen kleinen Popel heraus. Gelangweilt betrachtete er ihn für einen Augenblick, langte dann nach hinten durch die Luke und schmierte ihn außen an die Bordwand.

Vorsichtig musste man auch sein. Nicht zu viel Gewicht an die falschen Stellen sondern alles schön ausbalanciert. Und trotz allem war er nur Unterzimmermann. Nicht mal die oberste Position. Und dabei arbeitete er sich doch den Buckel krumm.

Was war denn schon dabei, ab und an ein paar Seile zu ziehen. Das konnte jeder, der halbwegs links von rechts unterscheiden und sich dabei noch fallen lassen konnte. Die meisten auf diesem Schiff waren doch eh nur Kanonenfutter. Man hatte sie nur aus einem einzigen Grund angeheuert. Um so viele gegnerische Soldaten wie möglich auszuschalten, um anschließend vorzugsweise selbst draufzugehen, damit der Anteil für die Anderen größer ausfiel. Ein jeder ein größere Tor als der Vorherige. Ob nun junger Bursch oder alter Seebär, egal, welcher Schicht er entsprungen war, ein einfacher Soldat, immer leicht auswechselbar. Nicht mehr als ein Objekt. Eine Schwert und eine Rüstung, früher oder später dazu verdammt, sein Leben im Kampf auszubluten. Fast tragisch so etwas, aber trotzdem unentbehrlich, wenn auch der Einzelne ohne Bedeutung.

Er aber, er war keineswegs so einfach wegwerfbar. Er war von Bedeutung. Er selbst war von Wichtigkeit. Kein einfacher Spielstein, den man herumschubsen konnte. Er tat, wann er wollte und wenn er tat, war es gut, was er tat. Strich nickte und versicherte sich erneut, diesmal laut sprechend:
„Jeder Trottel kann einen Befehl entgegennehmen, aber nur der mit Verstand weiß, den Befehl einzuschätzen und dann nach eigenem Gewissen zu handeln. Vertrauen zu haben, ist eine Tugend, doch das Denken ist dem einfachen Mann der Weg in den Reichtum. Was will der Bauer, der tagein, tagaus auf dem Feld das Geld für seinen Herrn züchtet, denn auf dem Thron? Er weiß doch nur, wie er zu Buckeln hat. Am Ende wird er sich eh nur vor jedem Verbeugen. Aber der wahre Herrscher muss sich wissend nach oben gen Sterne strecken und sich vor den Untertanen auch nicht kleiner als diese werten.“

Strich lies sich zurück auf das Fass plumpsen, auf dem er sich, während er die Worte jonglierte, aufgerichtet hatte.

Und trotzdem darf er es nicht verlernen, zu schlafen, der König.“, meinte er mit träger Stimme:
„Jeder ruht gleich und wiegt sich in der Nacht, ob im Federbett oder der Reisigkammer. Und ohne Schlaf fallen alle gleichermaßen um. Es gibt eine Zeit, um zu Arbeiten, eine Zeit, um zu Denken, eine, um sich zu vergnügen und eine, um zu ruhen. Und alle sind im selben Maße wichtig.“

Strichs Blick viel auf die losen Holzstücke am Boden. Aber jeder verdiente auch mal eine Pause, dachte er sich. Und er selbst ganz besonders. Schließlich hatte er schon genug getan. Und wenn die anderen ein wenig mehr aufpassten, dann wüssten sie das auch. Dann müsste er sich nicht hier unten verstecken, um ab und an ein kleines Päuschen zu halten, sondern könnte an Deck sitzen und den Langschwenglern bei der Jagd zusehen. Wunderschöne Tiere. Und schmackhaft obendrein. Strich schloss die Augen. Ein paar Minütchen noch, dann würde er anfangen, was zu zimmern. Aber davor nur kurz verschnaufen.

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