Verwerflichkeit und einfach gestrickt #4

Laute Rufe und Gepolter machten sich auf der Kantalup breit. Es war wieder Zeit, aufzubrechen. Eine ganze Woche lagen sie nun hier bereits vor Anker und Kapitän Schlitzer brannte schon wieder darauf, die Wolken unsicher zu machen. Matrosen huschten hin und her, trafen letzte Vorbereitungen, prüften die Takelage, zurrten Seile zum dritten Mal fest und trugen Kisten umher. Die Planke, die in den letzten Tagen in einige Mitleidenschaft geraten war, wurde an Bord gezogen. Eine fröhliche Stimmung machte sich breit. Es war hin und wieder angenehm, harten Boden unter den Füßen zu spüren, aber jeder wusste das Wanken des Schiffes im Wind zu schätzen und zu genießen. Es gab nichts Freieres, als ohne Grenzen zu fliegen, wohin man wollte, nur getrieben vom Wind und den Gezeiten.

Schlitzer selbst stand am neuen, wenn auch geflickten Steuerrad und überblickte das Treiben der Mannschaft. Neben ihm sein erster Offizier, der die Leute mit energischen Worten und teils wüsten Beschimpfungen antrieb.

Heute war das perfekte Wetter, um aufzubrechen. Ein frisches Lüftchen wehte gen Norden. Er hatte vor, aus dem Kluster herauszufahren. Richtung Libartemis. Dort, wo die Händler unachtsam und die Beute fett und reich war. Orimir war keines von beiden. Aber dort war man frei. Man konnte tun und lassen was man wollte, solange es einen nicht störte, dass die anderen es genauso handhabten. Besonders Geld ausgeben. Aber wofür war es denn sonst da, außer um es zu verspielen, versaufen und zu verhuren.

Nach einigen Minuten hatte auch der Offizier zu schreien aufgehört. Alles schien zu seiner Zufriedenheit. Ein Mann saß im Ausguck, der Rest wartete auf den Befehl zum Segel setzen. Alle Augenpaare waren nun nach oben gerichtet. Schlitzer hob seinen Arm in die Höhe und rief:
„Männer, ich hoffe, ihr habt euch gut amüsiert, denn in nächster Zeit werden eure einzigen Spielgefährtinnen die Wolken sein! Reiche Beute erwartet uns!“ Schlagartig lies er die Hand nach unten fahren und umgriff das Steuerrad.

Wie an einem Strang zog und zerrte jeder einzelne Mann der Crew an den Tauen und Seilen und kaum fünf Sekunden später blähten sich die scharlachroten Segel in vollem Wind. Segel so rot wie Blut, die dem Namen des Kapitäns schaurig vorauseilten. Schnell entfernte sich die Kantalup von Baratelo. Immer kleiner wurde die Insel, als die Bark ins weiße Meer der Wolken eintauchte und von diesem verschluckt wurde.

Für Strich war alles noch einmal gut gegangen. Er saß ganz oben im Krähennest und sah den anderen beim Laufen zu. Das Rad hielt und keiner hatte was wegen den Seilen gesagt, sondern sie einfach still eingehängt. Zwar hatte er die 15 Teso beim Spiel mit den anderen wieder verloren, aber was konnte man machen. Über solche Dinge grämte man sich nicht mehr, wenn einem der Wind um die Ohren schlug und sich das Blau des Himmels vor einem erstreckte. In aller Ehrlichkeit, es wackelte ungeheuerlich. Jedes einzelne Schaukeln des Schiffes wurde umso deutlicher, wenn man an der sich dauerhaft in eine Richtung neigenden Spitze saß. Doch von hier oben hatte Strich einen tollen Blick in die Weite. So lange die Wolken einigermaßen frei standen. Doch der Käptn achtete darauf, immer freie Sicht zu haben. Es gab immer die Gefahr, auf kleine Gesteinsbrocken zu stoßen, die sich zwischen den Wolkenmassen versteckten. Mit genügend Fahrt rissen diese so leicht ein Loch in den Rumpf wie ein Messer durch die Kehle eines schmierigen Händlers. Das war aber auch nicht das Einzige, vor dem man sich fürchten durfte, wenn man die Wolken befuhr. Gerade eben sausten an ihrem Schiff ein Schwarm bunter Kalivögel vorbei, harmlose Pflanzenfresser, die in großen Massen auf einer festen Route von Insel zu Insel zogen. Einer der Matrosen an Deck versuchte, einen der Vögel mit dem Speer zu erwischen, doch die Tiere waren zu flink und machten ohne Mühe einen kleinen Schlenker und das Geworfene fiel in die Tiefe. Unter dem Gelächter der Anderen zog der Werfer den Stab mit der gebogenen Spitze am Seil wieder an Bord. Sie besaßen eine ganze Ladung Harpunen, die zu jeder Zeit bereit neben dem Mast in einer langen Kisten verstaut waren. Für den Fall, dass ein unvorsichtiges Tier zu nahe ans Schiff herankam. Auch ein Pirat und ganz besonders ein Pirat wusste ein gutes Stück Walfleisch zu schätzen. Vor allem, wenn es frisch vom noch zuckenden Leib geschnitten, auf flackerndem Feuer gerillt war und es noch vor Fett troff. Auch bekam man für nicht raffiniertes Walöl in den industriellen Gegenden einen guten Preis. Den Fabrikbesitzern war es meist herzlich egal, woher die Ware kam, Hauptsache, sie war recht billig. Doch einen Wal jagen war eine ganz andere Angelegenheit, als einen Wal zu erlegen. Natürlich kam es immer auf die Sorte an. Ein Windfisch, eine kleinere Unterart, war eine eher leichtere Beute, hatte aber auch nicht viel Fett zum Verwerten übrig und konnte wegen der plötzlichen hohen Geschwindigkeit, die sie mit ihren Seitenflügeln erreichten, recht schwierig zu treffen sein. Die größeren Arten, der Runzelwal oder auch ein Großmaulwal, hatten da zwar genug Masse, um auch einiges an Profit einzubringen oder als Nahrungsquelle für mehrere Wochen zu dienen, konnten im ärgsten Fall aber auch Teile des Schiffs beschädigen oder gar einen Mast umknicken. Strich warf einen Blick nach oben. In den Nächten konnte man die Sterne und die vielen Kometengürtel, die am Himmel ihre Bahnen zogen, beobachten, doch zu dieser Stunde versperrte einem das Sonnenlicht die Sicht. Ab und an kreuzten die größeren Exemplare durch die Himmel in den größten Höhen, besonders in solchen, die der Mensch selbst nur schwer erreichen konnte. Diese Walarten standen aber in einem ganz anderen Größenverhältnis. Gigantisch wäre noch das kleinste Wort, um sie zu beschrieben und auf der anderen Seite das Einzige, was Strich gerade einfiel. Doch ein solches Monstrum zu fangen, war eh ein Ding der Unmöglichkeit, da die wenigsten Luftschiffe so weit nach oben fliegen konnten. Auch hatte er Geschichten gehört von Männern, die sich hinauf wagten und von Atemnot sprachen, von Kopfschmerzen und Menschen, die einfach tot umfielen. Komische Dinge schienen dort oben zu passieren. Farbige Lichter und Inseln aus purem Gold spuckten in den Köpfen der Menschen herum, wenn sie es wieder heil nach unten geschafft hatten.

Der zum Ausguck Verdonnerte hatte selbst nicht vor, sich jemals so weit nach oben zu wagen. Zumindest nicht, wenn er es vermeiden konnte. Aber er sah ihnen gern zu, diesen Riesen der Lüfte, die dort unbehelligt von dem Meisten, was in der Welt passierte, ob brutale Kriege oder blutige Schlachten, ihre sanften Laute ausstießen. Töne, die einem im Bauch rumorten und die ganze Schiffe zum Beben brachten. Wilde, haltlose Lieder, die jedem Menschen, der noch eine Seele hatte, das Schaudern durch die Glieder schüttelte.

Strich wurde je von einem Schrei aus seinen Gedanken geworfen. Von unten her kam der Kontrollruf, ob irgendetwas am Horizont zu sehen war. Der Decksmann streckte sich einmal lang und breit, stand dann auf, hielt sich mit der einen Hand an der Mastspitze fest und lehnte sich nach außen.
Es schien alles in Ordnung zu sein. Richtung Bug türmten sich die Wolkenberge auf, ließen jedoch noch genug Platz, um sie gefahrlos zu umschiffen und dabei weiterhin freie Sicht zu haben. Derselbe Ausblick bot sich in die andere Richtung, aus der sie kamen. Steuerbord und Backbord waren ebenfalls komplett ruhig. Zur rechten Seite zogen ein paar kleinere Inselbrocken vorbei, sanft mit etwas Gras bewachsen, aber ansonsten ohne weiteren Belang. Dazu kreuzten die zu erwartenden Schwärme an Fliegern ihren Weg, aber von denen ging keine weitere Gefahr aus. Strich wollte schon das Signal geben, dass es nichts zu sehen gab, als am Horizont an Backbord etwas auftauchte. Eine Wolke hatte sich ein Stück weit beiseite geschoben und gab den Blick auf eine winzige unförmige Gestalt frei. Sie schien noch meilenweit entfernt zu sein. Eine miese Vorahnung traf den Matrosen. Sofort zog Strich sein Fernrohr vom Gürtel, schob es auseinander und sah hindurch. Er justierte das Glas ein wenig, bis die Sicht klar wurde. Was da langsam auf sie zukam, war kein Stück Stein oder irgendein kleiner, harmloser Vogel. Es war eines der gefährlichsten Raubtiere, die der Himmel zu bieten hatte.

Ein Leviathan.

Eine Schlange von monumentaler Gewalt. Ein Tierart, die nur aus Windungen, geschuppter Haut und kleinen, flügelartigen Fortsätzen bestand. Man unterschied zwei Hauptgruppen, die Kleineren, die ihre Gegner durch ihr tödliches Gift ausschalteten und die Größeren, welche durch pure Masse jedes andere Wesen einfach zerquetschten. Obwohl Wesen in diesem Bezug auch auf kleinere Schiffe zutraf. Die Plagen der Lüfte, so wurden sie auch noch genannt. Teils wegen der Gefahr, die von ihnen ausging und zugleich, weil ihr Fleisch ungenießbar war und sich deshalb noch nicht einmal die Jagd nach ihnen lohnte. Strich konzentrierte sich, versuchte das Wackeln des Schiffes auszublenden und den Gegner genauer zu betrachten. Aus dieser Entfernung war die Größe des Gegners schlecht einzuschätzen, aber auf alle Fälle war es etwas Größeres. Vielleicht ein Kleinflügler, doch die Art der Fortsätze irritierte ihn. Lang und geschwungen, dafür in der Zahl weniger. Vom grau-grünen Schuppenmuster her könnte es eine Lianenschlange sein, doch die hatten keinen dünnen Schwanz, sondern waren in der Gesamtbreite eher einheitlich dick. Diese hier hatte eher eine Spitze, fast wie ein Stachel. Strich rieb sich am Kinn. Es gab mehrere Exemplare, die auch ihren Hinterleib als Waffe nutzten, doch so Eine hatte er persönlich noch nie zu Gesicht bekommen. Auf jeden Fall musste er Bescheid geben. Mit Schwung zog er am Seil der bronzene Glocke, die am Mast hing. Ein helles Läuten erklang. Die Mannschaft auf Deck blickte erst nach oben und dann panisch in alle Richtungen. Hektik wurde breit und man bemühte, sich die Ursache des Alarms zu finden. Strich selbst ging auf die Knie, lehnte sich über die Holzplatte des Krähennests und formte einen Trichter mit der Hand zum Mund.

Leviathan, knapp 18 Meilen Backbord! Grau-Grün, Spitzer Schwanz und lange Flügel. Vielleicht Kranzhydra oder Lianenschlange!“

Der Käptn hatte ihn gesehen und gehört, dachte für einen Moment nach und brüllte dann seine Befehle:

Alle Segel einholen, die Hälfte der Mannschaft unter Deck und an die Kanonen. Macht sie schießbereit, wartet aber auf meinen Befehl!“

Die nächste Minute an Bord war das reinste Chaos, ein Wuseln durcheinander und hin und her, aber jeder in der Crew wusste, was er zu tun hatte. Blitzschnell kletterten die Lufträuber die Wanten in der Tagelage nach oben und banden ein Segel nach dem anderen fest an die Spiere. Auch im ersten Lagerraum war man geschäftig. Es wurden hektisch Kisten hin und hergeschoben, die Kanonen neu eingefettet, anschließend gestopft und mit Kugeln versehen. Vereinzelt wurden bereits die Fackeln angezündet und bereit gehalten.

Zitternd verfolgte derweil Strich im Krähennest die Bewegungen der Schlange. Mittlerweile war das Schiff einigermaßen zum Stillstand gekommen, ein Umstand, den er sehr beglückwünschte, da er nun endlich das Fernrohr ruhig halten konnte. Das Vieh kam nicht direkt auf sie zu, also hatte es sie anscheinend noch nicht bemerkt. Es kam schräg, von links vorne und schlängelte sich fast lautlos zwischen den Wolken hindurch. Strich schätzte ihre Chancen ab, sollten sie wirklich von diesem Ungeheuer angegriffen werden. Es war fast so groß wie ihr Schiff, viel fehlte nicht, vielleicht knapp zwanzig Fuß. So, wie er den Kapitän kannte, würde dieser warten, bis das Tier nahe genug heran kam, dass es schon fast zuschnappen konnte und dann erst ließe er die Kanonen abfeuern, darauf hoffend, dass zumindest ein paar davon ihr Ziel trafen. Sie waren schon öfter Leviathanen dieser Größe begegnet, und die Spitze des Mastes war kein Ort, wo man während solchen Auseinandersetzungen verweilen wollte. Ein unglücklicher Schlenker mit dem Schwanz und Strich erwartete der Fall und am Ende das tiefe Grau. Bisher war er bei solchen Treffen immer unter Deck gewesen und hatte bei den Kanonen geholfen, doch an die Schreie der Crew und die tiefen Eindrücke im Holz konnte er sich noch gut erinnern. Sekunden verrannen wie Stunden, als Strich das Raubtier auf seinem Kurs beobachtete. Schweißperlen rannen ihm in den gebräunten Nacken, als er der fast schon hypnotischen Schlängelbewegung folgte. Der Leviathan besaß eine fast schon elegante Tödlichkeit, eine Anmut, die einem das Blut in den Adern gefrieren lies und den Verstand hypnotisierte. Auf dem Schiff war es komplett still geworden. Einzig das Knarzen der im Wind leicht schaukelnden Masten durchbrach den eisernen Vorhang der Ruhe. Ein jeder hielt den Atem an, als ob ein einziger unvorsichtiger Zug allein schon das Biest in ihre Richtung lenken konnte. Doch wieder einmal hatte die Mannschaft unter Trott Delaway Glück. Strich konnte mit ansehen, wie das Tier langsam weiter abdriftete und schließlich komplett parallel an ihnen vorbeiflog. Dorthin, wo sie gerade hergekommen waren. Der Ausguck lies noch einige Minuten verstreichen, bevor er die Entwarnung weitergab. Das Monstrum hatte sie nicht entdeckt und war ohne Weiteres an ihnen vorbeigeflogen. Ein kollektives Seufzen und einige, trotzdem noch gedämpfte Jubelrufe durchzogen das Deck und den Kanonenraum. Auch der Kapitän selbst gab hörbar die Luft frei, die er angehalten hatte und lockerte die Hände, die wie ein Schraubstock krampfhaft das Steuerrad umklammert hatten. Momente später rief der erste Maat auch schon die befreienden Worte:
„Gefahr vorbeigezogen, macht wieder alles klar zum Segel setzen!“

Während die Mannschaft unten zu werkeln begann, die Kanonen sauber machte und das Schwarzpulver wieder trocken verstaute, hielt Strich den Blick gebannt in die Richtung, in die das Monster verschwunden war. Er war kein Navigator, außerdem hatte er keine Ahnung von den Kursen der Winde, doch war er sich ziemlich sicher, dass die Schlange auf dem Weg nach Baratelo war. Leider kam es nicht zu selten vor, dass die vielen schwebenden Inseln dieser Welt Opfer von Attacken natürlicher Art waren. Besonders die kleineren Dörfer oder schlichteren Ansammlungen an Bruchbuden lebten in ständiger Sorge vor Angriffen und konnten sich diesen auch nicht erwehren. Sie besaßen weder die Kanonen dafür, noch die Menschen, die bereit wären, für ihr Land zu kämpfen. Am ehesten konnten noch die Luftpiloten vor Ort etwas ausrichten, indem sie sich zusammentaten und das Biest gemeinsam erlegten. Aber wahrscheinlicher war, dass sie beim ersten Anzeichen von Gefahr, so schnell es ging, in alle Richtungen davon stoben wie die feigen Hühner, die sie waren. Strich hätte es ja nicht anders gemacht und vom Käptn durfte man sich da ebenfalls nicht mehr erhoffen. Sie waren schließlich Piraten und keine Samariter. An diesem Tag würden wohl noch einige Menschen ihr Leben verlieren. Aber um den Ort an sich war es nicht schade. Solche sprossen überall. wo die Winde einen hintrugen, hinter jeder Wolke gab es doch ein paar Bruchbuden, die jeden Piraten herbeiwünschten und war er noch so verrucht und korrupt.

Mit einem Ruck setzte sich die Kantalup wieder in Bewegung und um ein Haar hätte sich Strich nicht mehr an der Mastspitze festhalten können. Das Schaukeln begann aufs Neue und der Ausguck drehte sich um, blickte dem blauen Unbekannten vor sich entgegen und nahm wieder seine Arbeit auf.

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