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Warum?

„Warum muss ich immer so früh ins Bett gehen?“
„Damit du ausgeschlafen bist.“
„Warum?“
„Damit du genug Kraft für den Tag hast.“
„Warum?“
„Weil du sonst vielleicht mittendrin einschlafen würdest.“
„Warum?“
„Weil dein Gehirn versucht, den Schlaf nachzuholen.“
„Warum?“
„Weil es eine regelmäßige Ruhepause braucht, um sich selbst wieder aufzuladen, um Erlebtes zu verarbeiten und um Unterbewusstes auszuarbeiten.“
„Warum?“
„Damit du nicht jede einzelne Information, die du bekommst, aktiv verarbeiten musst.“
„Warum?“
„Weil du während des aktiven Denkens nie dein eigenes Unterbewusstsein in seiner Gänze durchdringen und offenlegen könntest.“
„Warum?“
„Weil der Mensch, könnte er zu jeder Zeit auf seine inneren Gedanken, Gefühle und Emotionen zugreifen, wahnsinnig werden würde.“
„Warum?“
„Weil wir aus sehr vielen unterschiedlichen Schichten bestehen. Zwar verfallen die meisten Erinnerungen nach einiger Zeit, aber die Auswirkungen von wichtigen Ereignissen auf die eigene Psyche bleiben noch lange erhalten.“
„Warum?“
„Weil der Mensch ohne diese tiefer liegenden Eindrücke keine echte Persönlichkeit hätte. Er wäre nur ein zusammengewürfelter Haufen aus temporären und zufälligen Gemütsschwankungen. Stattdessen besteht das, was unseren Charakter ausmacht, aus mehr als nur dem, was wir uns tagtäglich vor Augen halten. Wir haben insgeheim viel tiefer greifende Bedürfnisse, Wünsche und Sorgen.“
„Warum?“
„Weil der Mensch sonst nur eine leere Hülle wäre. Wir würden nur noch nachplappern und keine eigenen Ideen mehr kreieren.“
„Warum?“
„Weil alle großen Entdeckungen und bedeutenden Kunstwerke, ob nun in der Architektur, in der Malerei oder in der Literatur, nicht aus der Oberflächlichkeit entstanden sind, sondern aus einer tiefer greifenden Substanz der menschlichen Persönlichkeit. Kein Michelangelo hätte seine sixtinische Kapelle malen können, ohne den starken Willen, etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Kein Newton hätte die Theorien zur Gravitation aufstellen können, ohne eine innere Neugier auf die Welt da draußen zu besitzen. Kein Goethe hätte dichten, kein Mozart komponieren und kein Kant hätte philosophieren können, hätten sie keine, tief in der Persönlichkeit verankerte, Begeisterung für ihr Tun empfunden.
„Warum?“
„Weil Kreativität aus dem Inneren kommt und nicht aus dem Äußeren. Wer über Äußerlichkeiten und Nichtigkeiten professiert, der darf nicht erwarten, eine andere Reaktion auf seinen Nonsens zu bekommen, als in der gleichen schlichten Weise, die er vorgetragen hat.“
„Warum?“
„Weil dies eine der grundlegenden Regeln des Universums ist. Actio gleich Reactio. Aus Nichts kommt nichts. Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch heraus.“
„Warum?“
„Weil wir uns in einem Universum mit abgeschlossenen Grenzen befinden. Wir leihen uns das Leben und geben es anschließend wieder zurück.“
„Warum?“
„Weil jeder irgendwann sterben muss.“
„Warum?“
„Weil das Leben sonst nicht lebenswert wäre. Hätten wir eine unendliche Zeitspanne, um uns alles zu erwirtschaften, dann stünden wir am Schluss mit allem da und hätten immer noch eine unendliche Zeit zu überbrücken. Wir hätten nichts mehr zu tun, nichts mehr zu entdecken und nichts mehr zu kreieren. Das Leben an sich ist bloß lebenswert, weil wir etwas anstreben können. Ganz egal, was das ist. Wir haben eine Gelegenheit erhalten, die wir Nutzen können, ganz wie wir es wollen. Und dabei macht es keinerlei Unterschied, wie man sie nutzt. Denn alles, was wir tun, hat alleine Sinn in der Art und Weise und der Tatsache, dass wir es tun.“
„Warum?“
„Weil unser Dasein und das unserer Nachfolger begrenzt ist. Weil wir eine Chance haben. Ein Leben. Es ist wie ein Videospiel. Du spielst solange, bis du den letzten Boss besiegt, die letzte Prinzessin gerettet und das letzte Stück Ausrüstung gefunden hast. Dann bekommst du deinen Game-Over-Bildschirm. Dann ist es vorbei. Man hört auf.
Und die Frage ist natürlich, was hat man am Schluss davon? Was bleibt einem von den endlosen Stunden, die man auf einen grell leuchtenden Bildschirm gestarrt hat?
Eine Erinnerung.
Eine Reise, eine Geschichte, ein Abenteuer. Das echte Leben im Kleinformat. Es macht keinen Unterschied, ob man am Schluss irgendetwas besitzt oder etwas vorzeigen kann. Man selbst hat die Erinnerungen und die Emotionen, die man auf dem Weg gesammelt hat. Und allein diese geben dem ganzen Prozedere ihren Sinn. Wen kümmert der Tod, wenn er doch nicht der Sinn des Lebens ist? Das Einzige, was uns kümmern sollte, ist, wie wir dieses Leben, diese Erfahrungen und Erinnerungen, wie wir diese so nutzen können, dass wir damit zufrieden sind.“
„Warum?“
„Warum? Was hilft es dir, wenn du dir vorschreiben lässt, was du zu tun und zu lassen hast? Du machst niemanden damit glücklich. Du gibst niemandem einen Sinn. Dem einzigen, dem du den Sinn raubst, bist du selbst. Wenn du dein Leben nicht so lebst, wie du es gerne möchtest, dann hast du nur dir selbst geschadet.
Und damit will ich nicht sagen, dass man ein perfektes Leben führen soll. Denn das gibt es nicht. Ein perfektes Leben macht keinen Sinn. Denn ein perfektes Leben würde nicht damit enden, dass man selbst langsam in ein Grab hinabgesenkt wird, während alle anderen um einen herum weinen und unglücklich sind. Niemand, der nach einem perfekten Leben sucht, findet darin seinen Sinn. Denn man braucht ein Leben, dass auf einen selbst zugeschnitten ist. Und tief im Inneren ist niemand ein perfekter Mensch. Und deswegen braucht keiner von uns ein perfektes Leben.
Wir brauchen ein schiefes Leben. Eines mit Ecken und Kanten, das uns immer wieder runterdrückt und erniedrigt. Und gleichzeitig muss es eines sein, dass wir erklimmen und bezwingen können. Eines, dass uns immer wieder anstachelt, aufzustehen. Dass uns spüren lässt, was echtes Leben wirklich bedeutet.
Und natürlich erfordert das Kraft. Das erfordert jeden Funken Eigendisziplin, den man aufbringen kann. Für den eigenen Sinn muss man kämpfen. Man muss sich jeden Tag aufs neue aufrappeln und sich selbst in den Arsch treten.
Und um überhaupt genug Energie für den nächsten Tag zu haben, muss man eben manchmal früh ins Bett gehen.

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