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Ergeiz

Es regnet. Ich fahre Rad.
Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen. Es genügen fünf kleine Wörter, um meinen Gemütszustand aufs Ausführlichste zu beschreiben.
Doch, der Regen stört mich nicht. Oder eher gesagt, ich lasse mich nicht vom Regen stören.
Das ist nämlich der Trick dabei. Man darf sich nicht vom Regen stören lassen, nein, man muss selbst den Regen stören. So lange, bis er sich verzieht.
Außerdem ist der Regen gar nicht so störend. Er stört eher passiv-aggressiv.
Ich kann klar denken und auch fahren, wohin ich will.
Nur der Regen ist da.
Und stört mich.
Aber es macht mir nichts aus. Ich ignoriere ihn einfach.
Mal ganz davon abgesehen, dass der Regen an sich gar nicht das Problem darstellt. Es ist eher die Stimmung, die er mit sich bringt. Beim Radfahren merkt man das ganz deutlich.
Du stehst in der morgens auf, willst aus dem Haus gehen, bist hochmotiviert, freust dich schon fast auf das bisschen Radfahren, bevor du dich in den anstrengenden Schulalltag stürzen musst.
Und dann regnet es.
Du weißt, dass du, bis du ankommst, komplett, bis zum letzten kleinsten Winkel deines Leibes durchnässt und durchgefroren sein wirst.
Und dem gilt es sich entgegenzustellen. Mit eisernem Willen.
Es regnet. Ich fahre Rad.
Es ist kalt. Klar, dass ist im Winter so üblich. Ist ja auch nicht wirklich kalt, es ist teil-kalt.
Ein Teil meines Körpers ist kalt, der andere nicht.
Das Gesicht ist kalt. Besonders die Ohren.
Ich habe mich lange gefragt, ab welcher Temperatur einem die Ohren abfrieren würden.
Habs dann gegoogelt. Hab aber nichts gefunden.
Jetzt bin ich in stetem Bangen um meine Ohrläppchen.
Ich könnte mir natürlich eine Mütze besorgen und tragen, aber dann müsste ich meinen Hut absetzen. Und ich lasse es nicht zu, dass ein wenig Kälte und Regen mich um mein Markenzeichen bringen. Wie schon gesagt, man muss sich den Naturgewalten entgegenstellen.
Mit eisernem Willen!
Aber die Kälte ist bei weitem nicht das schlimmste.
Ich muss täglich durch ein kleines Waldstück.
Na ja, es ist eher eine Ansammlung von Bäumen, die sich alle zufällig an der selben Stelle eingefunden haben.
Es ist stockdunkel. Ich fahre durch besagten Baumhaufen.
Von hinten rechts kommen leise dumpfe Geräusche.
Ein weiterer Aspekt, der mich niedermachen will.
Aber ich gebe nicht klein bei. Ich radle vielleicht ein wenig schneller, aber das liegt daran, dass ich zu eben jenem Zeitpunkt einfach ein wenig schneller fahren wollte.
Kurze Zeit später begegnet mir die Mülltonne.
Es ist eine ganz einfache schwarze Tonne.
Sie steht mitten im Baumhaufen am Wegesrand.
So gut wie jeden Tag steht sie da und provoziert mich.
Sie reizt mich, genau wie der Regen und die Kälte.
Aber ich lasse mich nicht provozieren.
Ich habe auch noch nie hineingeschaut. Muss ich auch gar nicht. Will ich auch gar nicht.
Was interessiert es mich denn, wenn mitten im Wald am Straßenrand, in der Dunkelheit, eine Mülltonne steht. Überhaupt nicht.
Ich fahre daran vorbei. Jeden Tag. Und ich mache mir auch keine Gedanken über diese Mülltonne. So weit kommt es noch, dass ich mir Gedanken über eine x-beliebige Mülltonne am Wegesrand machen würde.
Es regnet. Mit eisernem Willen fahre ich Rad.
Autos kommen mir entgegen. Die Fahrer sind versteckt hinter ihren Scheiben. Ich kann niemanden erkennen. Sie aber mich wohl.
Diese Menschen die sich auf leichtem Wege den Strapazen und Anstrengungen entzogen haben.
Feiglinge nenne ich sie. Sie haben nicht den Mumm, sich den Gewalten zu stellen.
Der Kälte, dem Regen, der Mülltonne!
Wenig später kommt der Hügel. Obwohl Hügel an sich deutlich untertrieben ist.
Ich würde es eher ein gewaltiges Massiv nennen, dass sich jeden Tag vor mir erstreckt, bereit, immer wieder aufs Neue erklommen zu werden. Mit größter Anstrengung messe ich mich. Ich messe mich mit dem Gipfel. Mit der Spitze. Mit dem Punkt, an dem es nur noch bergab geht. Denn das ist, wo ich hin will.
Und selbst, wenn ich es nicht schaffen sollte. Selbst, wenn mir unterwegs die Luft ausgeht. Selbst, wenn ich das allerletzte Stückchen dieses verdammten Anstieges, selbst, wenn ich dieses Stückchen schieben müsste, es wäre nicht tragisch. Denn, es ist ein Kampf. Ein Kampf zwischen mir und dem Hügel. Und sollte ich verlieren, dann nur für den Moment. Ich zolle, indem ich schiebe, ganz außer Atem, diesem Stückchen Stein und Erde, meinen Respekt.
Ich sehe ihn an und sage:
„Berg, du hast mich geschlagen. Für dieses Mal.“
Aber…, was machen diese Autofahrer mit ihren Gefährten?
Sie versprühen Häme bei jedem Tritt auf das Gaspedal. Sie verhöhnen den Hügel, sind sich nicht mehr gewahr, dass sie, nur durch die Technologie, ihn so leicht bezwingen können.
Es regnet. Ich fahre mit eisernem Willen Fahrrad.
Und sollte mich noch jemand fragen, was denn wäre, wenn es schneien würde, dann würde ich mit Stolz in der Stimme antworten:
„Ja, was ist denn, wenn es schneit. Was tritt ein, dass ich mich nicht mehr jeden Tag aufmachen kann um meinen Kampf zu kämpfen. Es ist nur ein weiteres Hindernis, dass es zu überwinden gilt.
Niemals werde ich mich etwas so Lächerlichem wie gefrorenem Wasser beugen.“
Und sollte mein Gegenüber mich nicht verstehen, dann soll er ruhig weiter in seinem Auto herumfahren, soll zufrieden sein, es gemütlich und warm zu haben. Nichts weiter tun zu müssen, als lässig das Pedal herunterzudrücken.
Aber ich werde da draußen sein. Werde ankämpfen. Gegen den Wind, Regen, Schnee, Kälte, Hügel und von mir aus auch gegen diese verdammte Mülltonne.
Aber unterkriegen lasse ich mich nicht.
Und sollte nur einer meiner Klassenkameraden, nachdem ich alle mit einem schallenden Guten Morgen begrüßt habe, mir antworten, dass er es in Erwägung ziehen würde, es mir gleich zu tun, dann weiß ich, dass ich nicht umsonst kämpfe.
Es regnet. Ich fahre Rad.

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