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Heuchler

Ein Blitz zuckt über den nachtschwarzen Himmel. Von weitem schon hört man das tiefe Grollen, dass wie das Gebrüll eines wilden Tieres über die Skyline fegt.
Dazu mischt sich das noch ferne, aber langsam nähern kommende Rauschen von gewaltigen, aufeinander einstürzenden Wassermassen.
Die Stadt selbst ist verwaist. Die meisten Fenster in den Wohnungen sind schwarz. Nur in ein paar wenigen brennen noch die Lichter der Skeptiker. Der Zweifler. Jene, die nicht an den Wandel glauben. Die sich nicht vorstellen könne, dass der Mensch solche Desaster heraufbeschwören konnte. Sie sitzen im Stillen vor ihren schwarzen Fernsehern. Warten darauf, dass die Pseudoapokalypse eintritt und die ganze Welt mit sich reißt. Manch ein Grinsen wird mit jedem Glockenschlag breiter, mit jedem Uhrenticken, das das vermeintliche Unheil näher heranrücken lässt. Die anderen vernehmen bereits das Rauschen. Das Mahlen von Kräften, die jene der Menschen bei weitem überschreiten. Urkräfte, die vor nichts und niemandem Halt machen. Kein Gebäude werden sie ganz lassen. Stein um Stein wird abgetragen, bis sich die Natur jenes zurückerobert hat, was seit Anbeginn der Zeit rechtmäßig Ihr gehört.
Bedrohlich träge rückt Sie näher, die Flutwelle, die Katastrophe. Es eilt nicht für die Natur, denn sie bewegt schon seit Äonen die Gezeiten.
Die Klügeren haben sich in Sicherheit gebracht. Recken stolz die Köpfe gen Himmel und lachen bereits voller Spott über die ungläubigen Toren. Doch auch sie wird die Natur noch erreichen. Denn auch, wenn sie dicke Eisenstangen in das Erdenfleisch rammen und sich künstliche Monumente ihrer Größe in die Höhe bauen, die Natur ist ein gemächlicher Killer. Sie weiß sich ihre Kräfte einzuteilen. Und irgendwann werden auch jene fallen, die sich jetzt noch ihrem Schicksal profan überlegen fühlen.
Das Rauschen ist mittlerweile zu einem Orchester geworden. Schon vieles hat die Flut mit sich gerissen. Bäume, Autos, Steine und Menschenleiber werden bereits umhergewirbelt. Und schon stürzt es auf die Wolkenkratzer und Parkhäuser zu.
Die Skeptiker fielen bereits. Die Angst ergreift sie nun doch. Aber kein Flehen und kein Betteln und auch kein lieber Gott kann sie noch retten. Gleich einem gierigen Schlund umschließt das Wasser die menschengemachten Bauten und drückt zu. Dringt in jede Ritze ein, füllt Keller und Parterres. Lässt Fensterscheiben platzen und strömt und ergießt sich in Treppenhäuser und Flure. Jene, die sich auf die Dächer gerettet haben, schauen mit Ehrfurcht auf das tobende Blau hinab, dass sie nun alle in die Fänge geschlossen hat. Der Zement knackt bereits, Fugen und Risse, die sich seit Jahren bilden und wachsen, füllen sich und explodieren wegen dem eindringenden Wasserdruck. Dem Rauschen unterliegt nun ein besorgniserregendes Ächzen der Kolosse aus Stahl.
Man bangt und bebt, wirft sich auf die Knie und fleht zu jener urzeitlichen Kraft, die alles zu verschlingen droht.
Und es scheint, die Natur hat ein Einsehen. Das Drängen, Schieben und Getöse nimmt ab. Es wird ruhiger. Die Wellen verebben und sind kurz darauf nur noch Miniaturausgaben ihrer einstigen Pracht. Das Blau liegt still da. Nur noch die Köpfe der Himmelstürme ragen mit Not zwischen dem Wassermassiv hervor.
Man ist überglücklich. Die Natur hat ein Erbarmen gezeigt. Der Mensch an sich scheint doch kein so großes Übel zu sein. Er kann sich bessern. In Zukunft wird alles anders werden. Umweltschutz wird der neue Antrieb der Menschheit. Alles wird sich ändern.
Sie triumphieren, jauchzen und johlen.
Denn noch haben sie den gigantischen Heuschreckenschwarm nicht bemerkt, der Richtung Meer fliegt. Die Natur vergibt nicht.

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