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Wer sind sie überhaupt?

„Gerade habe ich gar keine Zeit für Sie.“
„Nur ein paar Minütchen?“, bettelt der Reporter, bereits Stift, Papier und Diktiergerät im Anschlag.
„Ein paar Minuten, sagen Sie? Wissen Sie eigentlich, was ich in ein paar Minuten verdiene? In nur drei Sekunden übersteige ich locker Ihr Jahresgehalt, jawohl. Und wissen Sie, wie?“
„Indem Sie einer einfachen Marketingstrategie aus Angebot und Nachfrage folgen?“
„Ha! Das hätten Sie wohl gern. Aber zu einem erfolgreichen Geschäftsmann gehört mehr, als nur ein billiges Produkt, billige Arbeitskräfte und Niedriglöhne. Vor allem braucht man ein Händchen fürs Geschäft und einen Sinn für die essentiellen Augenblicke im Leben.“
„Augenblicke wie damals, als Sie sich mittels eines rechtlichen Schlupfloches aus der Kasachstan-Affäre gezogen haben?“
„Pappelallee. Das war doch noch gar nichts. Ich habe mehr Geld unter dem Tisch verschwinden lassen, als Sie sich in Ihrem Leben jemals erträumen können. Ich habe mit Milliardären geschlemmt, mit Politikern geschlafen und Topmodels ausgenommen. Der Bettler auf der Straße kann sich den Luxus gar nicht vorstellen, denn ich tagtäglich erlebe. Also bitte. Es grenzt fast an eine Unverschämtheit, mich überhaupt auf diese Art und Weise anzusprechen. Normalerweise erwarte ich zumindest einen im Vorfeld eine Absprache mit meiner Sekretärin, die anschließend einen Termin mit meinem Supervisor ausmacht, damit dieser dann ein Telefongespräch mit mir arrangieren kann, um die weiteren Einzelheiten eines, und das muss ich betonen, sehr unwahrscheinlichen Treffens ausmachen kann. Maximal würde jemand wie Sie durch drei Mittelsmänner mit mir reden und dann auch nur das hören, was ich mal eben in Stichworten meinem Texter diktiere.“
„Also keine drei Minuten für mich?“
„Was erlauben Sie sich eigentlich? Sehen sie nicht, dass Ihre Existenz, im Vergleich mit meiner, weniger als eine Nichtigkeit darstellt? Dass Sie in meinen Augen so viel wert sind, wie ein billiger Schnaps im Regal, an dem ich vorbeigehe. Selbst wenn Sie sich vor meinen Augen umbringen würden, täte ich Ihnen noch nicht einmal einen einzigen Blick zuwerfen. Nichts, was Sie zu tun gedenken oder tun könnten, kann mich in irgendeiner Weise dazu bewegen, Sie als Persönlichkeit wahrzunehmen. Im besten Fall spucke ich auf Sie. Dann realisiert zumindest ein unwirklicher Teil von mir Ihre Existenz als eine, die es mehr wert ist, bespuckt zu werden, als der Boden, auf dem ich meine Luxusschuhe aufsetze.“
„Aber Sie haben doch gerade im Supermarkt eingekauft, oder nicht?“
„Und das erlaubt Ihnen, sich mir zu nähern? Woher nehmen Sie den Mut, dies zu wagen? Das kann doch nur aus einer inneren, tief verankerten Ignoranz her stammen. Keine Person, die noch ganz bei Trost ist, rennt, aus vollem Hals schreiend, auf einen hungrigen Löwen zu? Ich könnte Sie hier und jetzt, direkt vor diesem Supermarkt, erschießen lassen, und ich könnte mich mit ein paar müden Blicken vor jeder Strafe schützen. Aber so viel sind Sie mir nicht wert.“
„Aber Fakt ist doch, Sie sind gerade aus diesem Supermarkt gekommen. Und zwar mit drei Einkaufstüten.“
„Und wenn? Bloß weil ich hier einkaufe, erlaubt Ihnen das, meinen sozialen Stand zu ignorieren? Was ändert das an meiner und Ihrer Persönlichkeit? Inwiefern hebt das die weltliche Barriere zwischen uns auf? Selbst wenn ich komplett pleite wäre, und mir nur noch billiges Discounter-Essen und Kleidung von der Stange leisten könnte, würden Sie trotzdem auch nur im Ansatz nicht an meinen Horizont heranreichen. Sie sind ein Nichts. Eine Null. Ein Staubkorn in meinem Blickfeld. Zu klein und zu schnell, um es richtig wahrzunehmen. Allenfalls eine winzige Belästigung, die im nächsten Augenblick schon wieder vergessen ist.“
„Haben Sie die drei Packungen Klopapier eingekauft, weil sie gerade im Angebot sind?“
„Ach, fahren Sie doch zur Hölle!“

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