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Umzingelt

Wir waren im Bus gefangen. Gierige Hände drückten sich gegen das Glas und hinterließen schmierige Abdrücke auf den Fensterscheiben. Wir waren zu viert. Die ganze Mannschaft war versammelt. Es war nur ein kurzer Stopp auf dem Rastplatz eingeplant gewesen, aber nun hatten sie uns umzingelt. Es gab kein Entkommen mehr.
Der Fahrer war auf die Toilette gegangen, wir hatten uns einige Snacks aus dem Kiosk geholt. Da war die Meute schon aus den umliegenden Autos gekrochen. Sie schienen aus allen Schlupfwinkeln gleichzeitig zu strömen. Allesamt diesen hirnlosen Gesichtsausdruck. Symphonieartiges Stöhnen ist ihr ständiger Begleiter. Die Wagentür ist verschlossen, doch die Verstrebungen ächzen bereits unter dem Gewicht der Leiber. Keiner von uns sieht einen Ausweg. Die Meute will frisches Blut. Ob sie unser Geruch anlockt oder unser Aussehen, wer wusste das schon? Vielleicht haben wir einfach zu viele Geräusche gemacht und sie sind deswegen auf uns aufmerksam geworden.
Von den Wänden leicht gedämpft, hört man das Grölen und Schnauben der Kreaturen. Sie versuchen, einander in den abartigen Geräuschchören zu übertreffen, die sie produzieren. Es wird gestampft und gekratzt, dazwischen lauthals gejohlt und geschrien. Immer mehr Wesen werden von dem Lärm angelockt und gesellen sich dazu.
Die Lage scheint aussichtslos. Man hat uns umzingelt und sobald sie in den Bus gelangen, werden sie uns metzeln, wie das Vieh, das wir sind.
Aber vielleicht gibt es noch einen Ausweg. Ich zeige zur Dachluke. Jene Einfassung im Metall, die aus Sicherheitsgründen nach oben aus dem Bus führt. Der Sicherheitshebel ist schnell umgelegt und frische Luft strömt in die Kabine. Jetzt kann man die umliegende Geräuschkulisse in all ihren Einzelheiten wahrnehmen. Die Schreie und das Geifern des Mobs drückten sich in mein Trommelfell. Schlimmer als jeder Verstärker und jeder Subwoofer. Mit der Zeit werden die Ohren taub. Gewöhnen sich an die Fanfaren der Hölle, die sich gegenseitig ins Crescendo wiegen.
Ich schiebe die Hände durch die Luke und lege sie auf die, durch die Sommerhitze glühend heißen, Dachplatten. Mit einem Ruck stemme ich mich nach oben. Dann lange ich mit der Hand zurück in den Bus, um meinen Kollegen hochzuholen.
Der Geruch hier draußen erschlägt mich fast. Er ist übel. Als hätte man einen Bottich voll vergammeltem Abfall über die Menge verteilt. Mir ist zum Kotzen, doch ich reiße mich zusammen. Wir scheinen noch eine Chance zu haben, aber dafür müssen wir ihnen geben, was sie wollen. Wir bilden eine behelfsmäßige Kette und schaffen die Instrumente auf das Busdach. Gitarren, Lautsprecher und Keyboard. Vom Schlagzeug nur das nötigste, denn die Menge wird schon unruhig. Sie kann es nicht mehr erwarten. Die Luft knistert vor Anspannung. Mir fällt es schwer, ein gewisses Gefühl der Euphorie zu unterdrücken, während ich den Bass einstöpsle.
Mit einem Mal wird aus der kreischenden Masse ein stilles Ensemble aus erwartungsvollen Schaulustigen. Ich beobachte meine Leidensgenossen. Der Sänger steht bereit und zupft nervös an seiner Gitarre. Der Schlagzeuger konzentriert sich und schlägt dabei abwesenden die Stöcke aneinander. Der Keyboarder hat die Finger bereits auf den Tasten für den Anfangsakkord.
Ich warte. Entspanne mich im Auge des Sturms.
Mein Nebenmann zählt ein. Mit leiser Stimme, fast flüsternd, intoniert er den altehrwürdigen Usus der Musikanten.
„Eins. Zwei. Eins, zwei, drei, vier.“
Ich schlage die erste Seite an.
Die Menge johlt.

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