Verwerflichkeit und einfach gestrickt #3

Eine Minute später kam Strich wieder aus der Gasse, eine fröhliche Melodie pfeifend, mit prächtigen Lederstiefeln an den eigenen Füßen. Was des einen Verlust, war des anderen Gewinn. Der Leitspruch eines jeden Piraten.

Zufrieden stolzierte Strich in die Richtung, in der sich ihr Ankerplatz befand. Einige Ecken später kam er auch schon an der Hängebrücke an. Nicht viel mehr als zwei Seile zum Halten und darunter eine wacklige Konstruktion aus einzelnen Holzbrettern, die, miteinander verschnürt, an vier Pfosten befestigt waren, die sich jeweils gegenüber standen. So waren die beiden Inselbrocken, sowie die beiden Anderen, miteinander verbunden. Die meisten kleineren Inseln verbanden sich so, um eine größere Landfläche zu schaffen, doch nur die wenigstens konnten sich feste Steinbrücken leisten. Gerade wanderte niemand darüber und so wartete Strich nicht lange und begann, auf die andere Seite zu klettern. Ein wenig mulmig wurde ihm dabei schon, schließlich hatte er nur eine Hand frei, die andere umklammerte ja verschwitzt das frisch gekaufte Rad. Wenn er fiele,, würde nichts seinen Sturz bremsen, egal wie fluffig die Wolken unter ihm auch aussahen. Die Brücke wankte gefährlich wenn sich der Decksmann zu sehr auf die eine Seite lehnte. Hoffentlich hatten die Erbauer damals bessere Seile benutzt, als er gerade gekauft hatte. Er hatte schon genug Geschichten von Betrunkenen gehört, die mitten in der Nacht von einer dieser schwankenden Brettkonstruktionen gestürzt waren und gerade kamen ihm die grausigsten davon wieder in den Sinn. Zum Glück war es an diesem Tag nicht auch noch neblig, sonst könnte er nun noch nicht einmal das andere Ende, geschweige denn seine eigene Hand vor Augen oder die einzelnen Bretter zu seinen Füßen sehen. Der ganze Weg dauerte eigentlich nur knapp dreißig Schritte, doch Strich kam es wie eine Ewigkeit vor, als er endlich seinen Fuß auf die kleinere Seiteninsel von Baratelo setzte. Er schwitzte wie ein Schiffsjunge nach dem Deckschrubben, doch zumindest war damit jetzt auch der letzte Rest Kater aus seinem Kopf verflogen. Noch schnaufend ging er weiter und tauchte wieder zwischen die schäbigen Häuser ein.

Hier gab es keine Wirtshäuser, Händler oder freie Weiber. In dieser Gegend lebten die Leute, die sich schon länger auf dieser Insel niedergelassen hatten, warum auch immer man so etwas überhaupt in Betracht ziehen sollte. Klar wollte Strich nicht für immer bei der Piraterie bleiben. Er dachte schon an ein eigenes Haus, eine Frau und Kinder. Aber doch nicht an einem Ort, wo man sich nicht sicher sein konnte, ob man am nächsten Tag mit nem Messer an der Kehle und leeren Taschen aufwachte. Der Geruch nach Fäulnis lag in der Luft und Strich spuckte angewidert erneut aus und zielte um Haaresbreite an einem schnarchenden Mann mit Dreckschmieren im Gesicht vorbei, der an einer Wand gelehnt, der Trunkenheit trotzte. Das Bild, das dieser Ortsteil bot, war kein Schönes. Vorne bei den Stegen konnte man wenigstens noch etwas Komfort erwarten, doch hier hingen die Wäscheleinen, direkt über den Köpfen zwischen den einzelnen Bruchbuden gespannt. Die Fensterläden, wenn überhaupt welche da waren und nicht nur einfach jemand ein Loch in die Holzwand geschnitten hatte, lagen schief in den Angeln und die Menschen fläzten sich herum, als gäbe es nichts zu tun im Leben. Obwohl Letzteres auch nicht verkehrt und durchaus eine Beschäftigung war, der auch er gerne nachging. Aber der ganze Matsch, der einem an den Hosenbeinen hochstieg, die garstigen Ehefrauen, die aus den Häusern herausschrien, der billige Fusel, die zerbrochenen Flaschen und das ständige Gefühl, beobachtet zu werden. Schiefe Giebel und spröde Bretterverschläge.

Manche sagten, so etwas sei ein Paradies für Gauner und Ganoven, aber Strich war da anderer Meinung. Das hier war ein Paradies für Niemanden. Zumindest nicht für ihn. Wer konnte sich denn mit so einem abgewrackten Leben zufrieden geben? Er ganz bestimmt nicht.

Etwas schneller stapfte er nun den Weg entlang, genervt von der eintönigen, unförmigen Szenerie, die sich ihm hier bot.

Und nach einigen Minuten sah er sie dann endlich. Die Kantalup. Eine Bark mit drei Masten und einem großen Seitensegel. Es war ein Einzelstück. Große Rahsegel fingen den Wind ein, das große Seitenruderpaar mitsamt den vier Kleineren zu beiden Seiten vorne und hinten lenkte die große Masse aus Holz in die richtige Richtung. Sie besaß sogar zwei kleinere Propeller an der Hinterseite, welche aber wie die meisten mechanischen Antriebe nicht für längere Zeiten laufen konnten, sondern nur zum letzten Schub beim Kapern benutzt wurden. Die Segel, in tiefem Rot getaucht, waren gerefft, nur ihre schwarze Fahne wehte wie immer an der Spitze des Mastes. Der Käptn hatte direkt neben einem alten, kaputten Schuppen angehalten, der für die Männer als temporärer Unterschlupf diente, falls man so etwas einer richtigen Taverne und richtigem Bier vorzog. Derzeit war keiner vor dem Schiff zu sehen, deswegen ging Strich, immer noch unter dem Gewicht schwankend, die ausgelegte Planke nach oben. Dort erwartete ihn schon Narbengesicht Korben, die Wache, die heute dran war. Er stand dort, an die Reling gelehnt und schaute belustigt dem ächzenden Decksmann zu, wie dieser versuchte, nicht nach unten zu stürzen.

Hat er irgendwas gesagt, wo ich das Zeug hinpacken soll?“, fragte Strich, als er endlich schnaufend an Deck stand.

Wer?“, entgegnete Korben, immer noch grinsend und dabei seine Zahnlücken entblößend.

Frag nicht so blöd, Johnson natürlich. Wo is der Dreckskerl jetzt überhaupt? Sollte der nicht an Deck bleiben und nach dem Rechten sehen?“

Der andere Pirat wandte wieder seinen Blick in Richtung Insel:
„Glaubst du wirklich der Offizier lässt sich vom Saufen abhalten, nur weil der Kapitän ihm ne Anweisung gibt?“, meinte Korben schultzerzuckend:
„Außerdem, was soll denn hier groß passieren? Wir liegen doch eh schon am anderen Ende der Stadt. Ich weiß gar nicht, was sich Schlitzer immer so große Sorgen macht. Schließlich ham wir doch immer noch Piratenehre oder nich?“

Manche mehr, andere weniger“, entgegnete Strich schulterzuckend und watschelte zur Luke, die nach unten in den Bauch des Schiffes führte. Gleich geschafft, dachte er sich, als er den Ring der Falltür ergriff und sie aufstülpte. Jetzt standen ihm nur noch zwei Leitern bevor, dann konnte er sich auch wieder einer angenehmeren Beschäftigung zuwenden. Mit einhändigem Klettern kannte er sich zum Glück aus. Schließlich war er schon oft genug die Wanten rauf und runter gekraxelt. Solange er noch Holz oder Boden unter seinen Füßen hatte, war alles in Ordnung. Der Nerven verlor er erst, wenn er sich auf ein anderes Schiff schwingen musste. Etwas, das er tunlichst vermied, doch manchmal konnte man nicht anders. Besonders, wenn der Käptn mit scharfem Blick und gezogenem Säbel hinter einem stand. Dann hieß es, entweder man schwang sich an einem Seil an einem knarzenden Balken über den Abgrund, oder man wurde höchstpersönlich rüber geworfen.

Der erste finstere Lagerraum erwartete ihn. Nur wenig Sonnenlicht kam durch die Luken, aus denen die Kanonenläufe geschoben wurden. Die Laterne am vorderen Maststück war dunkel und so bahnte sich der Pirat, ohne etwas zu sehen, einen Weg nach hinten. Er war schon öfter blindlings an den Kisten voller Schießpulver und Kanonenkugeln und den dicken eisernen Geschützen vorbeigelaufen, meist im Eifer des Gefechts, wenn man kurz vorher noch an der prallen Sonne hin und her gewuselt war und sich die Augen erst wieder an den Staub und die schlechten Verhältnisse unter Deck gewöhnen mussten. Wenigstens würde er hier unten alleine sein. So dachte Strich zwar, doch am Ende des ersten Unterdecks warf sich ihm ein Lichtschein entgegen. Er kam von der Leiter, die in den untersten Teil des Schiffes führte, dort wo normalerweise der Proviant und die restlichen Waren oder Güter lagerten, die man nicht so häufig benutzte oder die man von irgendjemandem geraubt hatte. Vorsichtig schob er den Kopf nach unten. Im trüben Schein einer Ölfunzel, die den ansonsten stockdüsteren Lagerraum erhellte, saßen Heinrich und Stockbein William. Der eine ein muskulöser Hüne, der auf seinem kleinen Schemel, auf dem er saß, völlig fehl am Platz wirkte, der andere ein schon in die Jahre gekommener alter Seebär mit unberechenbarem Funkeln in den Augen.

Hast du ne fünf?“, murmelte Heinrich gerade, in der Hand vier Karten haltend. Williams Hand hielt die gleiche Anzahl, dazu lag noch ein Stapel Spielkarten auf dem Tisch, direkt neben einem kleinen Haufen Geldkristalle und zwei halbleeren Holzkrügen. Die zwei Spielenden blickten auf, als Strich bedächtig die Leiter hinabkletterte. Ihr Interesse an dem Neuankömmling wärte aber nicht lange und schon erhielt der Muskelmann eine Karte aus der Hand des Alten.

Ha“, murmelte Heinrich und warf sein Blatt vor sich aufs Holz:
„Drei Kaiser und fünfunddreißig.“

Seine Hand streckte sich gierig nach den farbigen Kristallen aus. William grummelte nur.

Endlich war Strich mit seiner schweren Ladung auf dem Schiffsboden angekommen und watschelte zu den beiden hinüber. Sein Blick fiel auf die Krüge und anschließend auf die drei Fässer, die in einiger Nähe lagen. Er konnte sich daran erinnern, dass diese heute morgen noch nicht da gewesen waren.

Ihr habt wieder neuen Rum besorgt?“

Aye“, antwortete der Alte und teilte erneut die Karten aus:
„Und wir ham uns auch gleich ein Schlückchen genehmigt. Man muss ja probieren, obs gut genug für uns is. Wir könn ja schlecht mit fadem Rum losfahren.“

Strich zuckte mit den Schultern und ging nach hinten, weiter weg vom Lichtschein. Während er nach einem guten Plätzchen suchte, um seinen Ballast loszuwerden, rief er nach hinten:
„Und deswegen sauft ihr lieber hier unten, als oben an der Sonne an Land? Man möcht meinen, jeder Seemann würd vor Freude von Bord springen, wenn er wochenlang nur die gleichen Holzbretter vor Augen hat.“

Das mag auf dich vielleicht zutreffen, Junge“, entgegnete William und ein lautes Klimpern war zu hören, als erneut zu beiden Seiten Kristalle gelegt wurden.

Aber wenn du erst mal so viele Jahre wie ich aufm Buckel hast, dann willst du gar nicht mehr vom Schiff runter. Dann wackelt dir das Land so stark, dass du alles verschüttest, statt es zu trinken.“

Endlich hatte Strich den Seilhaufen zwischen eingelegten Salzvögeln und Fässern voll Pulver gefunden. Dort legte er auch die neuen Einkäufe dazu und das Rad gleich daneben. Anschließend ging er wieder zu seinen Kollegen zurück, zog ein leichtes Fass heran und setzte sich mit an den Tisch.

Habt ihr noch Platz für einen, der ein paar Teso zu viel in der Tasche hat?“, meinte der Decksmann und hakte seinen Krug vom Gürtel los. Heinrich zeigte sein schiefes Grinsen, während Williams schon wieder konzentriert in die Karten schaute und meinte:
„Wirf rein, Junge, und dann darfst du von mir noch was lernen.“

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