Verwerflichkeit und einfach gestrickt #2

Gleißendes Sonnenlicht stahl sich zwischen seinen geschlossenen Augenlidern hindurch. Zum Schutz hob er die Hand vors Gesicht, bis er wieder etwas erkennen konnte. Eine schmale Gasse, zu beiden Seiten von Holzverschlägen gesäumt, die mal mehr und mal weniger stabil aussahen. Mit einem Stöhnen wandte sich der Decksmann nach rechts in Richtung Kai. Als Erstes stand eine neue Ladung Seile auf der Liste. Er wettete, der erste Offizier, dieser Hundling, lag gerade einer Frau in den Armen oder besoff sich weiter ohne Halten. Aber den guten alten Strich konnte man ja einfach rumkommandieren, der machte schon, was man ihm sagte. Die sollten doch froh sein, dass sie jemanden wie ihn hatten. Jemand, der ohne Murren buckelte und arbeitete, während jeder Andere faul auf der Haut lag.

Strich machte einen Schritt aus der kleinen Gasse heraus und der volle Umfang der Mittagssonne ließ ihn seufzen. Schon wieder so ein heißer Sommertag, an dem man so viel schwitzte, dass man mit dem Trinken gar nicht mehr nachkam. Geschäftiges Treiben sah anders aus. Nur ein neues Schiff hatte angelegt, ein zweimastiger Schoner, dessen Segel im leichten Wind an diesem Tag nur sanft flatterten.Ein paar Männer luden grad einige Kisten aus. Die schwarze Flagge am Mast wies darauf hin, dass es sich bei diesen wahrscheinlich um erbeutetes Gut handelte. Die Schwarzhändler in Baratelo bezahlten einen fairen Preis für jegliche Ware, ob Salz, Zucker oder Walöl. An den restlichen Stegen schwebten die Schiffe mit eingezogenen Segeln an den festgezurrten Seilen. Ansonsten war der Kai leergefegt, abseits von den reglosen Gestalten, die im Schatten der Holzhütten ihren Rausch ausschliefen und Siesta hielten. Die schmutzigen Hände in den löchrigen Hosentaschen, marschierte Strich ans Geländer der hölzernen Verstärkung, die großzügig an die Ränder der Insel gebaut worden war. Interessehalber warf er einen Blick nach unten, doch das tiefe Grau war von dieser Höhe aus nicht zu sehen. Dichte weiße Wolken versperrten ihm die Sicht. Der Decksmann zog den Rest der glibbrigen Biermasse, die sich noch in seinem Hals versteckte, nach oben und spuckte den Schleimklumpen in hohem Bogen abwärts. Der Tropfen fiel vorbei am Geländer, der erdigen Kante der fliegenden Insel, die sich nach einigen Metern sanft nach unten hin abwölbte, und weiter in die Tiefe, wo er zwischen den luftigen Massen verschwand. Strich räusperte sich noch einmal kräftig, um sicherzugehen, dass auch der letzte Rest aus seiner Kehle verschwunden war und zog dann weiter, um einen Laden zu finden, der um diese Zeit offen hatte. Kundenservice wurde in dieser Gegend nicht gerade großgeschrieben, das Händlerangebot der Stadt bestand aus ehemaligen Piraten oder anderen Gaunern, also kurz gesagt, im gleichen Maße vertrauenswürdig wie geschäftstüchtig. Zum Glück bestand die komplette Insel nur aus vier zusammenhängenden Brocken und war somit recht überschaubar. Gerade eben befand Strich sich auf dem Hauptteil, dort wo die meisten Schiffe lagen und die Händler und Wirte ihre Verschläge aufgebaut hatten. Die Kantalup, das Schiff, auf dem er selbst angeheuert hatte, lag auf der anderen Seite von Baratelo, an einem eher abgelegeneren Steg. Käptn Schlitzer, alias Trott Delaway, traute niemandem und ganz besonders nicht anderen Piraten. Oder generell Jedem, den er nicht selbst bestochen hatte. Strich erinnerte sich noch an die Worte, die der Käptn an ihn und die anderen Säufer gerichtet hatte, als er sie damals in einer windigen Bar in Alt Artemo rekrutierte.

Seid keine Idioten und heuert bei mir“, hatte er im Suff gesprochen. Nicht besonders einfallsreich, aber in den frühen Morgenstunden und mit vernebeltem Schädel klang das so gut wie jede Königsrede.

Auch an ihre erste Kaperfahrt erinnerte sich Strich noch genau. Das erste Schiff, auf das sie stießen, war ein volles Handelsschiff, dass den kürzeren Weg über das Kluster riskierte. Zur Vorsicht hatte sich der Händler mit einer ganzen Horde Söldner umgeben. Wenn da einer oder zwei von starben, wen störte das schon? Strich hasste all diese samttragenden Arschlöcher. Gaben auf die Leute, die für sie arbeiteten, einen Dreck. Das einzig Wichtige für sie war die Ware und das Geld. Bei der Piraterie wusste man wenigstens, woran man war. Da konnte man sicher sein, dass das Gegenüber genauso wenig Gutes im Sinn hatte wie man selbst. Aber hinter dem schmierigen Lächeln eines Händlers konnte sich alles verbergen.

An dem Tag verloren sie etliche Crewmitglieder. Auch diejenigen, die mit Strich zusammen erst vor kurzem der Mannschaft beigetreten waren. Aber der gute alte Strich hatte es geschafft und hinterher die Beute kassiert. Denn dumm war er nicht, nein, nein. Nie der Erste auf dem gegnerischen Schiff sein, das war seine Devise. Wenn möglich, sich so lange raushalten, bis der Sieg schon feststand. Es hieße, im Leben gewann immer der Stärkere.

Ha, da konnte Strich nur drüber lachen. Im Leben gewann der, der es am geschicktesten anstellte. Der, der am besten mit dem Hintergrund verschmelzen konnte. Was soll es denn da schon wenn er an den Tagen an denen jeder andere soff die Botengänge erledigte. Dafür kam er von der nächsten Fahrt zumindest in einem Stück zurück!

Wie, um den Gedanken zu unterstreichen, fuhr er sich mit dem Finger spielerisch über die Kehle, während er wieder nach links zwischen die Holzbauten einbog. Hier irgendwo musste es doch jemanden geben, bei dem man ein paar Seile erstehen konnte. Und fürwahr, nach kurzem Suchen betrat er einen müffelnden Laden, halb so groß wie der Schankraum von vorhin, aber mit doppelt so viel Krempel voll gestellt. Von falschen Goldmünzen, unförmigen Figuren, einem Steuerrad, das an der Wand hing und einigen mit undefinierbarem Inhalt gefüllten Flaschen, über bröckelnde Bücher, Besen, eisernen Töpfen und zu guter Letzt auch einem ganzen Stapel Seilen von verschiedenen Längen. Ein Greis mit grauem Rauschebart döste auf einem dreibeinigen Holzstuhl, den einen Arm über die Lehne nach hinten gelegt. Er zuckte auf, als Strich eintrat und sah ihn mit müden Augen an. Strich deutete zu dem Haufen, woraufhin der Alte nur meinte:

Such raus, was du brauchst.“ Der Decksmann stupste den Haufen einmal mit dem Fuß an und kniete sich dann murrend hin. Das Meiste davon war nicht mehr zu gebrauchen, ausgefranst und von schlechter Qualität. Ziemlich sicher schon an mehr als einem Schiff gehangen. Er musste ein wenig wühlen, doch schließlich konnte er noch einige halbwegs anständige Stück finden.

Die Guten sin 15 Teso das Stück, die Anderen kriegste auch für sieben.“ krächzte der Alte mit tabakverklumpter Stimme, als ihm Strich das Herausgesuchte zeigte. Strich schnaubte. Die älteren Seile sahen auf einmal viel verlockender aus. Ach, was solls, so schlimm würde es schon nicht sein. Sagte man nicht, Altes währt am längsten? Der zahnlückige alte Sack vor ihm konnte das bestimmt bestätigen, denn der sah so aus, als hätte er schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel. Strich tauschte einige Seile aus und deutete anschließend auf das Steuerrad an der Wand.

Sagen wir 80 Teso für die Seile hier und als Bonus krieg ich das Rad noch oben drauf?“

Der Alte schnalzte mit der Zunge und blickte abwägend nach oben:
„Weißt du, das Ding da oben hat mal John, dem Quetscher gehört. Hat damit sieben Jahre die Meere befahren, das Teil hat mehr Geschichte erlebt, als du jemals könntest.“ greinte er.

85 Teso und keinen mehr“, entgegnete Strich.

Abgemacht“, meinte sein Gegenüber und hielt ihm die faltige Hand hin:
„Aber du holst es dir selbst von da runter.“

Kurze Zeit später kam der Decksmann aus dem Laden, das Steuerrad in der Rechten und einen ganzen Haufen Seile über beide Schultern geworfen. Das war jetzt doch gar nicht so schlecht gelaufen. Gleich alles erledigt und dabei noch 15 Teso Gewinn für seine eigene Tasche rausgeschlagen. Tilton, dieser Trottel, hatte ihm aber auch einen ganzen Tentalon mitgegeben. Und die Einkäufe waren ganz und gar nicht schlecht! Na gut, die Seile waren teilweise etwas zerrissen und zerfleddert und dem Rad fehlte eine Achse, aber Nichts, was man mit einer Leitersprosse nicht flicken könnte. Dazu hatte es diese schöne, eiserne Umrandung, fast komplett rostfrei. Es war also stabil und gleichzeitig hübsch anzusehen. Der Kapitän würde es lieben.

Was nicht hieße, dass Strich ihm die Einkäufe präsentierte. Er war ja nicht lebensmüde. Nein, er würde sie einfach in den Lagerraum legen und dann das ganze auf Trunkenbold Flenning schieben. Dieser konnte doch eh schon Realität und Suff kaum mehr auseinander halten. Dann wäre er selbst gekonnt aus dem Schneider.

Ein Poltern ließ seinen Kopf herumfahren. Deutlich von Links, als wäre ein schwerer Gegenstand umgefallen. Statt seiner inneren Vernunft zu folgen, riskierte Strich einen Blick in die dunkle Gasse neben ihm. Normalerweise hielt sich der Decksmann aus solchen Angelegenheiten heraus, denn man konnte nie wissen, ob man sich im nächsten Moment mit einem Messer an der Kehle wiederfand, doch dieses Mal siegte seine Neugier. Eine traurig zusammengesunkene Gestalt lehnte an der Bretterwand. Ohne genauer hinsehen zu müssen, erkannte er das viele Blut, das nun den Boden tränkte. Der Mann hielt sich seinen Bauch, zwischen den Fingern konnte man rosa Fleisch erkennen. Das Gedärm quoll ihm aus einem breiten Schnitt. Der Mann war tot, keine Frage, und wer auch immer das Geräusch verursacht hatte, war nicht mehr da, hatte es aber auf die Kleidung des armen Toren abgesehen, denn dieser lag dort in nichts weiter, als seiner Unterwäsche, die man ihm netterweise gelassen hatte. Ohne seine aufgetackelte Rüstung hätte ihn der Matrose fast nicht erkannt, doch jetzt fiel ihm das markante Kinn auf, selbst wenn das Gesicht unter den Schmerzen des Todes verzehrt gefroren war. Der Mann aus der Schenke von vorhin. Der das Bier wieder von sich gegeben hatte. Strich verzog den Mund. Das passierte nun mal mit denen, die zu achtlos waren. Endeten aufgeschlitzt am Wegesrand. Die Schuhe hatte man ihm seltsamerweise gelassen. Vielleicht war der Angreifer geflohen, weil er Schritte hörte und konnte deshalb seinen Raub nicht vollenden. Glück für den guten alten Strich. Nach einem kurzen Blick zur Absicherung in alle Richtungen, kniete sich der Matrose hin. Der Kerl hatte ungefähr seine Größe, das sollte doch passen.

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