Verwerflichkeit und einfach gestrickt #1

Das fahle Licht das durch die morschen Fensterläden ins Innere der schmierigen Kaschemme schien, beleuchtete die Insassen nur spärlich. Gauner und Ganoven. Allesamt saßen auf die gleiche Art, seltsam nach unten gebeugt um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, teils zusammengedrängt im Zwielicht, die meisten von ihnen einen Krug voll Bier oder ein anderes Gefäß mit undefinierbarem Inhalt vor sich. Ein jeder belauerte den anderen lustlos, keiner wollte zu dieser frühen Mittagsstunde bereits Ärger anziehen. Es stand wie ein ungeschriebenes Gesetz im Raum, ob Straßendieb, Matrose oder Halsabschneider, niemand wollte die zerbrechliche Ruhe stören. Einzeln tuschelte man kaum vernehmlich miteinander hinter gehobener Hand, ansonsten war es im Raum stiller als auf einem Friedhof, nur unterbrochen vom Quietschen des labbrigen alten Tuches das der Wirt benutzte um seine Gläser sauber zu machen. Der Besitzer dieser Spelunke, ein dickbäuchiger, schnauzbärtiger Mann der keinen Sinn für Humor, dafür aber reichlich dick bepackte Arme hatte, lies immer mal wieder seinen wachsamen Blick über die Bande an Spießbrüdern gleiten, während er weiter die trüben Gläser putzte. Allein seine Anwesenheit lies den meisten jede Lust auf Krawall entgehen. Und für hartnäckige Kollegen hatte er immer noch seine gute alte Flinte unter dem Tresen liegen.

Der jämmerlich dreinblickende Kerl, der an einem der hinteren Tische saß und mit der linken krampfhaft sein Bier umklammerte, war definitiv kein Kandidat für eine Prügelei. Sein dünnes Oberlippenbärtchen zitterte als er den Krug zu den Lippen führte und einen zaghaften Schluck daraus nahm. Die blutunterlaufenen Augen ruhten dabei müde auf der hölzernen Tischplatte. Bartholomäus hieß er mit bürgerlichem Namen, aber bei den Leuten mit denen der schmächtige Wicht unterwegs war, war er nur als Strich bekannt Dies hatte er zur Gänze seinem kläglichen Bartwuchs zu verdanken, der markant unappetitlich auf seinem Gesicht klebte. Er selbst war überzeugt davon, damit bei den Frauen und Huren besser anzukommen. Es verlieh ihm etwas verwegenes. Das einzige verwegene an ihm an diesem Tag war jedoch sein Mundgeruch. Selbst nach zwei Krügen schmeckte er immer noch die Kotze von gestern und den Kater spürte er mehr denn je im Nacken. Versoffen hatte er den guten Teil des Lohns der letzten Fahrt und er hatte vor den restlichen Teil davon auf die selbe Art loszuwerden. Am ehesten noch bei einer der vielen dreckigen Dirnen der Stadt. Ansonsten war hier nicht viel zu erleben.

Baratelo, eine der eher mickrigeren Insel des Klusters. Kaum der verflossenen Worte wert, nicht mehr als ein paar wenige zusammenhängende Brocken auf die irgendjemand mal ein windschiefes Haus gesetzt hatte. Im Laufe der Zeit wurden daraus zwei Holzbauten, dann drei, ein paar seichte Wirtshäuser nebendran und schon hatte sich eine kleine Meute aus Gesetzlosen zusammengerottet. Es war eine Anlaufstelle für jene die nirgendwo anders ein Zuhause fanden. Ein verruchter Ort wie viele in Orimir.

Strich hatte dem Käptn gleich gesagt sie sollten woanders anlanden. Dort wo man ungepanschtes Bier bekam und saubere Frauen. Aber der letzte Fang war nicht so ergiebig gewesen wie er es hätte sein sollen und deswegen saß er nun hier und versuchte die Schmerzen in seinem Kopf mit noch mehr Alkohol zu betäuben. Was eher schlecht als recht gelang. Zu seinem Glück war es hier recht dunkel, die dichten Läden liesen nur wenig von dem hellen Sommersonnenlicht in die Gaststube hinein. Ein Umstand der sich aprubt änderte, als mit einem Male die klapprige Tür der Kaschemme weit aufgerissen wurde.

Strich kniff sofort die Augen zu, doch die Nadeln bohrten sich bereits wieder durch seine Schädeldecke. Greller Schmerz breitete sich in hinter seinen Augen aus. Ein angehaltenes Murren ging durch den Raum als es diversen anderen düsteren Gestalten ebenso ging. Plötzliche Spannung ersetzte die eben noch fast entspannte Atmosphäre als sich der Großteil der nicht gerade freundlich dreinschauenden Blicke auf den Neuankömmling richtete. Der Fremde schien davon jedoch nichts mitzukriegen, stattdessen lies er die hölzerne Pforte mit Schwung wieder zuknallen und stolzierte achtlos dem Tresen entgegen. Strich schob vorsichtig eins seiner Augen wieder auf, jetzt da das willkommene Dunkel wieder den Hauptanteil des Raumes ausmachte. Er musterte den Fremden von oben bis unten. Auf den ersten Blick war klar, dass dieser nicht aus der Gegend kam. Wahrscheinlich nicht einmal aus dem Kluster. Ein dickes, teilweise mit Eisen beschlagenes Wams war das erste was einem auffiel. Ein Schulterpanzer auf der linken Seite, eine lederne Hose an den Beinen und die Füße steckten in feinen blanken Schuhen. Für Strichs Geschmack zu herausgeputzt. Die gesunde Lage an Dreck fehlte. Sogar die Gürtelschnalle glänzte als hätte man sie eben erst poliert.

Er war groß gebaut der Fremde, das musste man ihm lassen. Schultern wie ein Ochse und Fäuste wie Teller. Und das Gesicht erst. Das war kein Gesicht was man so schnell vergessen würde. Zu Gerade, mit ausgeprägten Wangenknochen. Dieser Bursche hatte in seinem Leben noch nie gehungert. Er sah nicht aus, als hätte er schon öfters auf Essen verzichten müssen. Eher wie jemand dem man das schimmlige Brot noch auf dem Tablett servierte. Auch das leichte Lächeln, das die Lippen des Mannes umspielte, lies , das man es hier nicht mit einem einfachen Halunken von der Straße zu tun hatte. Fremde waren in Baratelo wie auch in jedem anderen Gaunerstädtchen nicht gerne gesehen, besonders wenn sie so gestriegelt daher kamen. So einer brachte nur Ärger.

,Nachdem auch der Neue einen Blick ins Dunkel um ihn herum geworfen hatte trottete er zum Wirt. Der Matrose in der Ecke bezweifelte das der Fremde Gesichter erkennen konnte, schließlich war er gerade erst aus dem Licht hier ins Finstere gestiefelt. Seine rechte Hand fuhr wie selbstverständlich in Richtung Gürtel wo er sie auf den Knauf einer Waffe legte. Schwert, tippte der Halunke, solche Typen trugen immer Schwert. Meinten, sie könnten damit locker gegen einen Säbelschinger gewinnen. Sahen dann immer ganz blöd drein wenn ihnen plötzlich der eigene Saft aus der Kehle spritzte.

Mein guter Herr, ein Glas von ihrem besten Bier“, lies der Fremde schallend verlauten. Seine Stimme war kraftvoll, jung, passte perfekt zu den festen schwarzen Haaren und dem eckigen Kinn.

Für einen Augenblick zögerte der Wirt. Als bestaune er, wie fehl am Platz dieses Individuum vor ihm wirkte. Dann besann er sich, zog den Lappen aus dem Krug, den er schon eine Weile lang innig polierte, ging einen Schritt zum großen eichenen Fass und öffnete den Hahn. Heraus plätscherte eine matt fahle, leicht bräunliche Flüssigkeit. Dasselbe, das Strich gerade vor sich stehen hatte. Kein Milleniumsgebräu, doch das dürfte man von dem halb verdorbenen Hopfen, welcher alle paar Zeiten per Schiffsladung hier eintraf, auch nicht erwarten. Immer noch besser als den ganzen Tag nur Wasser zu trinken. Der Fremde nahm einen großen Schluck und verzog im gleichen Atemzug in dem der Schmodder seine Geschmacksknospen erreichte angewidert das Gesicht. Ein Lächeln schlich sich auf Strich‘s Gesicht. Diese Schnösel von außerhalb vertrugen einfach nicht das gute Zeug. Vorsichtig stellte der Mann sein Getränk wieder ab und zog ein paar hellblaue Kristalle hervor.

Passt so“, hauchte er mit unverholenem Ekel in der Stimme und schob sie über die Theke. Der Wirt sah sie einen Moment lang an, dann wanderte sein Blick zurück zu dem Gestriegelten:
„Passt eben nicht“, erwiderte er und drückte sich mit der einen Hand von der Theke ab.

Wie meinen?“

Ein Krug Bier sin‘n 10 Teso und nich nur vier.“, brodelte der Wirt und sein ausdrucksloser Blick glitt über die Kristalle, zum Brustkorb und schließlich zum Gesicht des Fremden.

Dessen Augen verängten sich zu Schlitzen und er verschränkte bedrohlich die Arme vor der Brust:
„Willst du mich verarschen? 10 Teso für das Zeug da?“

Willste etwa mein Bier beleidigen Freundchen?“ entgegnete der Mann hinter der Theke und richtete sich langsam zu seiner vollen Größe auf:
„Das nehm ich allerdings persönlich Kumpel. Leute die hier reinkommen und mein Bier schlechtreden hab ich dicke, klar? Besonders wenn ich denen sogar nochn gutes Angebot mache und die das nicht mal zu schätzen wissen? Also was is jetz mit den 10 Teso oder muss ich noch deutlicher werden.“

Gelächter von der anderen Seite der Gaststube. Strich hätte gerne mitgelacht, doch er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Fremde, kurzzeitig unschlüssig was er nun tun sollte, sah kurz nach links und rechts, als hoffte er auf etwaige Unterstützung, bevor er resignierend sechs weitere Kristalle auf die Holzplatte rollen lies.

Na geht doch“, meinte der Wirt:
„So und jetzt trinkst du noch fein aus.“ Hierrauf schob er dem jungen Mann den Bierkrug entgegen, nicht ohne ihm auch noch ein hämisches Grinsen zuzuwerfen:
„Wär doch schade wenn das gute Bier schlecht werden würde. Das würd ich dir aber verübeln, genau wie die ganzen feinen Herren hier. Die sehen das auch nicht gerne wenn was verschwendet wird.“

Wieder Gelächter, dieses Mal heftiger und von mehr Quellen. Der Fremde schluckte, wägte für einen Moment seine Chancen bei einem Kampf ab, nahm dann jedoch den Krug in die Hand und setzte ihn an die Lippen. Ein kräftiger Zug folgte. Seine Mimik entgleiste und wich einem widerwilligen Ekel. Doch, und das musste man ihm lassen, er spie das Gesöff nicht wieder aus, sondern nahm mutig weitere Schlucke von dem versifften Bier, bis er den Krug komplett geleert hatte. Langsam machte sich ein grüner Taint um seine Nasenspitze herum breit und kurz darauf entfuhr ihm ein kümmerlicher Rülpser als die Gaße ihren Weg ins Freie suchten, welcher ebenfalls eine Lachsalve bei den Umsitzenden auslöste. Anschließend machte der Fremde, ohne ein weiteres Wort zu verlieren oder einen Blick in die Masse zu verlieren, auf dem Absatz kehrt und wankte zur Tür hinaus. Ein paar Sekunden vergingen und schon vernahm man überdeutlich das Geräusch von frischer Kotze auf brauner Erde. Und selbst die die dem heftigsten Kater als Opfer dienten, konnten zumindest ein belustigtes Schnauben nicht verhindern. Der Rest hingegen lies seiner Schadenfreude freien Lauf.

Doch das Lachen verebte so schnell, wie es gekommen war und auch der Wirt nahm den Krug erneut zur Hand und begann die alte Routine. Kurzweil später standen drei Mann auf und verließen den Gastraum nach draußen. Sie hatten sich kurz vorher noch verstohlen zugenickt und einen sehr entschlossenen Eindruck gemacht. Auch für Strich wurde es bald Zeit. Er konnte nicht den ganzen Tag hier verbringen, auch wenn er es gerne wollte. Er musste noch zwei Botengänge für den ersten Offizier erledigen, ein Arschloch, wie er selten ein Größeres gesehen hatte. Dachte, er wäre etwas, nur weil er dem Kapitän ein paar Mal ins Hinterteil gekrochen war. Abschaum wie ihn sollte man ohne zweimal dadrüber nachzudenken, einfach hinab ins tiefe Grau werfen. Strich hatte da schon so manchen wunderschönen Tagtraum drüber gehabt, doch sich noch nie getraut, diesen auch in die Tat umzusetzen. Auf Meuterei stand schließlich dieselbe Strafe und es gab Nichts, vor dem sich Strich mehr fürchtete. Wenn er nur an den endlosen Fall ins Nichts dachte und die Schauerlichkeiten, die einen da unten erwarteten, zitterte er schon bis ins Mark. Vielleicht war Pirat doch nicht das Richtige ihn. Früher hatte er immer von einem kleinen Bauernhof geträumt. Mit einer kräftig gebauten Bäuerin dazu. Jeden Tag ein frisches Glas Milch in der Früh, das wär schon was. Wer weiß, wenn sie das nächste Mal einen guten Fang landeten, vielleicht lies er sich dann endlich nieder. Er musste schließlich auch an seine Zukunft denken, er konnte nicht ewig sein Geld durch Morden und Rauben verdienen. Noch war er in den besten Jahren, aber wollte er auch noch als alter Greis in die Segel steigen? Das er mal in der Rangliste nach oben stieg, bezweifelte er. Dafür kroch er nicht genug auf dem Boden rum. Und das würde er auch nicht anfangen. Er war sein eigener Herr und nicht nur ein Lakai. Mit einem Ruck leerte Strich seinen eigenen Becher und stand auf. Auf dem Weg nach draußen vermied er es, den Blick in den Rest des düsteren Schankraum zu werfen, er nickte nur dem Wirt kurz zu und öffnete dann die Tür.

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