Draußen ließ ich mich auf den Hosenboden nieder und zog tief die stechende Luft ein. Trotz des penetranten Geruchs nach Gammel und Abfall genoss ich sie mit jedem Zug. Eine Last fiel von mir ab, die mir die ganze Zeit in dem Geschäft auf den Schultern gelegen hatte.
Langsam ging es mir wieder besser. Mein Kopf klarte auf und die Nüchternheit kehrte zurück. Das ganze Gebaren des Ladenbesitzers war aufs Äußerste brisant. Das Gespräch eben hatte meine Vermutung, dass es sich bei dieser ganzen Sache um irgendeine Sekte handelte, gefestigt.

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Draußen war es recht kühl geworden, doch in meinem beschwipsten Zustand störte mich dies nicht. Mein Gesicht glühte förmlich, und ich fand die Dunkelheit und mein leichtes Frösteln angenehm im Vergleich zum heißen und stickigen Inneren der Bar.
Es war wenig los auf den Straßen. Ich befand mich entfernt vom Zentrum, in einer abgelegeneren Gegend. Ab und an fuhr noch ein Auto vorbei, doch rundherum konnte ich keine Menschenseele entdecken. Nur James ging, in einigen Metern Abstand, in eine Richtung, die ihn noch weiter von der Stadtmitte weg führte. Schwankend stolperte ich hinterher. Dabei huschte ich von Schatten zu Schatten, um nicht von ihm entdeckt zu werden. Wie ich später erfuhr, kompletter Schwachsinn, denn James hatte mich schon bemerkt, als ich noch mit einigem Gehuste aus der Tür gestürmt kam. Er lies sich aber nichts anmerken, vielleicht war es ihm damals auch einfach egal, dass ich ihm hinterher schlich.
Warum ich ihm nachgegangen bin, fragen Sie?
So wirklich habe ich mir das in diesem Moment auch nicht erklären können.

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Vielleicht sollte ich zum besseren Verständnis einmal ganz von vorne beginnen, Herr Wachtmeister. An dem Tag, an dem ich James kennen lernte.
Es war damals die Woche vor meinen Prüfungen. Ich war zu dem Zeitpunkt eigentlich schon tief im Stoff drin, denn ich wollte das Desaster vom letzten Semester vermeiden.
Mein Mitbewohner hat mich dann aus der gemeinsamen Wohnung geschleift. Hat beteuert, dass ich einmal etwas erleben müsse. Meiner Meinung nach vollkommener Stuss. Ich war zu der Zeit genug unterwegs, pflegte auch hier und da einige Bekanntschaften und lebte, um es einfach auszudrücken, ein normales Studentenleben.
Aber ich bin dann doch mitgegangen. Zum einen, weil ich ihn ruhig stimmen wollte, aber auch, weil ich an diesem Tag noch etliche Bakterienlisten vor mir gehabt hätte, die allesamt auswendig zu lernen gewesen wären.

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Die Kanonenschüsse übertönten jeden anderen Lärm. Viele überflogen ihr Ziel, doch einige sausten zielsicher mit einem lauten Pfeifen durch die Luft, trafen und drangen splitternd in die Seitenwand der Kantalup ein. Schreie ertönten im Bauch des Schiffes und drängte die Männer mit Nachdruck, endlich die eigenen Kanonen wieder schussbereit zu machen. Gewehrkugeln zischten über das Deck, als man die Piraten, die dort ebenfalls ihre Waffen bereit hielten, ins Visier nahm. Schlitzer selbst hatte seine eigene Pistole im Anschlag und zielte mit einem Auge auf einen der Soldaten auf dem anderen Schiff. Er drückte ab und das Geschoss sauste über mehrere Meter bodenlosen Raum und schlug im Anschluss in den Schädel eines der bemützten Matrosen auf der anderen Seite ein. Kurz darauf duckte sich der Kapitän auch schon wieder hinter die Reling, keine Sekunde zu spät, denn schon kam die donnernde Antwort von der anderen Seite. Beide Schiffe waren in den Gestank von verbranntem Schwarzpulver gehüllt, der aus den heißen Kanonenmündern dampfte.
Es war eine Fregatte, die sie da gerade beschoss. Ganz wie er vorausahnte. Leider hatte er sein Geld noch nicht einstreichen können, denn von den Wettpartnern fehlte jede Spur. Hoffentlich fand er sie noch, bevor das Schiff vollends auseinanderfiel.
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Einsam schwang die Laterne am Stab, den Strich in den Händen hielt, hin und her. Er stand am Bug der Kantalup und sah in die schwarze Nacht hinaus zu den dunklen, sich bedrohlich auftürmenden Wolkenbergen. Sturm lag in der Luft, doch noch war der Wind ruhig und die Segel nur halb gebläht. Aber er konnte auch noch umschlagen. Und wenn das geschah, galt es, schnellstens die restliche Mannschaft zu versammeln, damit man gemeinsam dem Unwetter trotzen konnte. Doch noch schob sich das Schiff bedächtig und vorsichtig zwischen den weißen Gebirgen hindurch. Der Pirat legte eine Hand auf den Rand der Reling und trommelte ein wenig mit den Fingern darauf herum. Vor vier Stunden war er aufgestanden und wanderte seitdem an Deck auf und ab und beobachtete Wolkenmeer.
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Einen guten Monat nachdem sie in See gestochen waren, setzte die Mannschaft zum ersten Mal wieder einen Fuß aufs Festland. Die Grenze zu Libartemis war überschritten und man lag längseits am brüchigen Steg einer kleinen, bewaldeten Insel. Im Vergleich zu Baratelo war sie fast schon winzig, bot kaum Platz für mehr als ein paar Häuser gleichzeitig. Darauf hatte ein mutiger, wenn jetzt auch schon in die Jahre gekommener Freibeuter einen kleinen Vorposten errichtet, für Schiffe, die in beide Richtungen fuhren und Proviant für die Reise benötigten. Dabei war der Mann, der mittlerweile eine kleine Familie zu ernähren hatte, auch nicht wählerisch, an wenn er seine Güter verkaufte.
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Was ist schon so ein bisschen körperliche Arbeit, dachte sich Strich, als er die nächste Kiste unter Stöhnen anhob. Alles musste neu eingerichtet werden, denn in wenigen Tagen würden sie den Proviant erneuern und das Einladen sollte schnell von Statten gehen. So wurden ab und an Matrosen in den Laderaum geschickt, um dort für Ordnung zu sorgen. Dieser jemand war an diesem Morgen ausgerechnet Strich. Wo er es doch so im Kreuz hatte. Ganz besonders, wenn es darum ging, zu arbeiten oder schwere Dinge zu schleppen.
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Das Deck war hell erleuchtet. Laternen waren auf lange Stäbe gesteckt und entzündet worden und hingen nun über den Köpfen der Männer, die sich derzeit an Deck der Kantalup vergnügten. An und ab durfte ein jeder sich verngügen, deswegen hatte man den Anker ausgeworfen. Dieser steckte nun fest in einer kleinen Landmasse unter ihnen, kaum groß genug, um das Schiff sixcher zu halten und den Winden entgegenzuwirken. Der Großteil der Crew hatte sich auf dem Deck versammelt und eine ausgelassene Stimmung lag in der Luft. Der Geruch von heißem Grog und würzigem Fleisch erfüllte die Abendnacht. Am Tage zuvor hatten es einige Matrosen geschafft, ein paar Wandervögel mit einem der Netze einzufangen und diese brieten nun in einem speziellen Ofen, den man aus der Kombüse nach oben gebracht hatte. Kapitän Schlitzer saß am Heck zusammen mit dem alten Stockbein William, der schon seinen vierten Krug intus hatte, aber trotzdem noch kein Einhalten zeigte, Krummnas Hannsen, der ebenfalls den Alkohol nicht verschmähte und John Lavorne. Jener verdingte sich sein Geld hier als Schiffsarzt, wobei er eher zu den praktischeren Gesellen seiner Zunft gehörte. Bedeutete, je schlimmer ein Patient zugerichtet war, desto wahrscheinlicher verlor dieser ein Körperteil durch die Säge. Sein Motto war, alles war gut, solange man nicht den Kopf verlor.
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Die Tage vergingen. Schon bald stellte sich der normale Rhythmus an Bord ein. Die Arbeit war in Schichten unterteilt, jeder hatte fest eingeteilte Zeiten, um zu schlafen, zu arbeiten und ein oder zwei Stunden, um sich gehen zu lassen. Sie hatten genug Leute an Bord, damit nicht jeder allzeit in den Wanten hängen und die Takelage bedienen musste. Den Rest des übrigen Tages beschäftigte man sich mit kleineren Bootsarbeiten, man flickte zerrissene Stellen am Segel, besserte Seile aus, schrubbte das Deck oder zimmerte neue Bretter an die Kabinen und die Wände des Schiffes. Und wenn es dann nichts mehr zu tun gab, lag man herum, spielte Karten oder blickte auf das Wolkenmeer hinaus.

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Laute Rufe und Gepolter machten sich auf der Kantalup breit. Es war wieder Zeit, aufzubrechen. Eine ganze Woche lagen sie nun hier bereits vor Anker und Kapitän Schlitzer brannte schon wieder darauf, die Wolken unsicher zu machen. Matrosen huschten hin und her, trafen letzte Vorbereitungen, prüften die Takelage, zurrten Seile zum dritten Mal fest und trugen Kisten umher. Die Planke, die in den letzten Tagen in einige Mitleidenschaft geraten war, wurde an Bord gezogen. Eine fröhliche Stimmung machte sich breit. Es war hin und wieder angenehm, harten Boden unter den Füßen zu spüren, aber jeder wusste das Wanken des Schiffes im Wind zu schätzen und zu genießen. Es gab nichts Freieres, als ohne Grenzen zu fliegen, wohin man wollte, nur getrieben vom Wind und den Gezeiten.

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