Johann drückt auf den Knopf.
Er drückt diesen Knopf am Tag genau neunhundertsechzig Mal. Einmal alle dreißig Sekunden. Er hat es während seiner gesamten Zeit in der Firma kein einziges Mal verpasst, diesen Knopf zu drücken.
Wenn er drückt, fährt von oben ein großer Metallstempel nach unten auf ein zweites, kleineres Metallstück. Mal werden es Klingelknöpfe, mal Straßenschilder, mal Gürtelschnallen. Aber jede Woche ist es etwas anderes.
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Der Kenner Bernard Legrand, die Witwe Anika von Hochhausen und der ehrwürdige General Hofer saßen an einem Tisch in der Lounge im Hotel Glamour. Alle drei erwarteten gespannt die Ankunft des Hoteliers Josepè, ein erfolgreicher Italiener in en besten Jahren, der ihnen seine neuste Errungenschaft präsentieren wollte.
Der General und die Witwe warteten bereits seit einigen Minuten, bevor Legrand zu ihnen gestoßen war, und hatten schon ausgiebig über den Grund gerätselt, weswegen man sie herbeordert hatte. Der Franzose begrüßte Frau von Hochhausen mit angedeutetem Handkuss und anschließend Herrn Hofer mit einer leichten Verbeugung, bevor er sich setzte, wobei die eine ihm ein wohlwollendes Lächeln schenkte, der andere ihm nur elitär zunickte.
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Peter P. mag Fantasyromane.
Peter P. mag außerdem Kinofilme mit explosiven Aktionsszenen, findet Stand-Up Comedy geil und witzelt über Sendungen wie Topmodel und DsdS.
Er sieht sich keine deutschen Serien an, denn da findet er die Schauspieler schrecklich.
Radio hört er nur noch im Auto, Zeitung liest er online oder gar nicht. Wenn er ausgeht, redet er meist übers Wiederheimkommen. Er findet, dass die Jugend von heute gar nicht mehr richtig Deutsch spricht, schreibt auf der Arbeit ‚dass‘ immer nur mit einem s, denn es hört sich ja gleich an, da ist es doch egal.
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„Ich kann das letzte Teil nicht finden“, ruft Sebastian von unter dem Tisch.
Anke sagt gar nichts, sondern starrt auf ihr Handy.
Einige Minuten lang hantiert ihr Freund noch im Wohnzimmer herum, langt mit der Hand unter die Couch, durchsieht noch einmal die Packung und wendet sich schließlich an seine Freundin.
„Du hast es nicht zufällig gesehen?“
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Gerhard Schopenbichler zieht die Hose hoch, den Gürtel enger und überblickt die Lage.
Vor ihm liegt Apartmentkomplex B. Ein Altbau bestehend aus Betonplatten und Traurigkeit.
Er sperrt den Dienstwagen ab und steuert auf die Parkfläche neben dem Gebäude zu. Links sitzen mehrere Jugendliche mit Bierdosen auf einer Parkbank und schauen herüber. Er legt die Hand an den Gürtel und nickt ihnen mitfühlend zu. Sie jedoch starren ihn nur weiter an.
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Frau M. sitzt im leeren Abteil und hat ihre Handtasche auf dem Schoß.
Frau L. steigt ein, sieht Frau M., winkt ihr freudig und setzt sich dazu.
Nach einer förmlichen Begrüßung meint Frau M.:
„Weißt du schon das Neuste?“

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„Mama, ich bin krank.“
„Nein mein Kind, bist du nicht.“
„Doch Mama, ich bin krank!“
Zur Bekräftigung ließ das Mädchen den Fuß auf’s Linoleum poltern. Trotzig kreuzte es die Arme und stülpte die Lippen.
„Na, was hast du denn?“, fragte die Mutter ergeben.
Das Mädchen überlegte einen Augenblick und antwortete dann:
„Kopfweh hab ich. Ganz dolles Kopfweh.“

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Ich winke zum Abschied, doch niemand beachtet mich. Die Crew ist viel zu beschäftigt damit, das Schiff zu wenden und den neu aufgefrischten Ostwind zu nutzen. Fünftausend Yen hat mich die Überfahrt auf diese Insel mitten im pazifischen Ozean gekostet. Umgerechnet sind das gerade mal 40 Euro. Für den Aufenthalt bezahle ich noch einmal die selbe Summe. Die Insel ist Teil der Izu-Gruppe und steht als gemeindefreie Insel unter der Präfektur Tokios, im besonderen unter der Subpräfektur Hachijo. Bis zum Horizont kann man nur Meer erkennen.

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Die Flut an Bildern versiegte erst, als ich um die Ecke bog und sich das letzte Gemälde meiner Sicht verbarg. Auf einmal war mein Kopf wieder frei. Nur noch Schemen blieben zurück, die nach und nach verblassten. Eine beängstigende Leere tat sich auf. Als wäre ein Teil ausgebrannt und stünde nun brach und verlassen. Ein Ort, an den sich keine anderen Gedanken mehr trauten. Ein schwarzes Loch, das jeden Fetzen Sinn verschluckte. Ich blinzelte ein paar Mal. Mein Blick wurde klarer.

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Irgendwann bin ich weitergegangen. Ich habe nicht genau gewusst wohin, denn ich kannte ja nur den Straßennamen. So lief ich einfach auf gut Glück durch die Gassen und Gänge. Stolperte über Zäune, stob über Hinterhöfe und kletterte über Mauern. Ich vertraute nur meinem Glück. Oder meinem Unglück.
Ich sah es schließlich auf der anderen Straßenseite. Nicht von weitem, sondern mit einem Schlag tauchte es zu meiner Rechten auf. Das Gebäude hob sich krass vom Rest des Viertels ab.
Es war in gutem Zustand.
Die Fenster bestanden aus farbigem Buntglas und alle schienen vollständig. An der Dachspitze steckte ein Kreuz mit zwei Querbalken. Ich zögerte, doch das Straßenschild an der Seite bestätigte mir, dass es sich um den richtigen Ort handelte.
Hatte der Rothschildbruder gar nicht diese Droge probiert, sondern war stattdessen in die Fänge einer Sekte geraten? Das passte ganz gut in das Muster, das sich mir derzeit im Kopf festigte.

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